Wir haben eine einzige, wirklich geführte Einheit gekauft für unser „Wanderjahr“. Eine wöchige Kreuzfahrt den Mekong River hinunter bis nach Saigon auf einem kleineren Schiff. Gestern abend war Besammlung und heute mussten wir um 4.00 Uhr aufstehen. Man müsse unbedingt die Türme von Angkor Wat im Licht der aufgehenden Sonne fotografieren, wenn sich die Kuppeln im vorgelagterten Weiher spiegeln würden!
Also ist die 16-köpfige Gruppe pünktlich losgefahren, hat sich in die lange Reihe der Touristen gestellt und brav photographieren lassen für die Eintrittskarte. Wir sind die kurze Strecke Siem Reap zu den Ruinen von Angkor Wat per Büslein gefahren und haben einiges über Angkor Wat erfahren. D.h. wir hätten es, wenn der Leiter nicht ausschliesslich nur zu den Leuten gesprochen hätte, die direkt neben ihm standen. Pech für jene, die etwas weiter entfernt waren. 1 Mio Menschen hätten im 12. Jhr im Umfeld von Angkor Wat gelebt. Rom, wie sich der Leiter nannte, machte ein klein wenig schadenfroh den Vergleich zu England: London habe zur gleichen Zeit nur 50’000 Bewohner gehabt. Heute aber seien sogar die Vietnamesen Kambodscha überlegen.
BüsleinAngkor Wat in der MorgendämmerungÜberall eindrückliche ReliefsDieses Bild ist das Resultat meines ersten Versuches, Edlef im gleichen Photo gleich mehrmals abzubilden. Ich bin ganz stolz darauf…es ist gelungen juhu!
Moderne „Apsaras“ beim Taschengeld Verdienen durch Tanzdarbietungen und als Photosujets für Touristen in Angkor WatKollegeschülerInnen beim Auftreten mit traditionellen Tänzen auf dem kleinen Flusskreuzfahrtschiff. Die Tanzkunst gilt als wichtiger Teil der Kultur.Überall sind weibliche Gestalten in den Reliefs von Angkor Wat zu finden. Königinnen, Prinzessinnen, Apsaras.
Apsaras sind weibliche Wesen in der buddhistischen und hinduistischen Mythologie. Sie sind halb Götinnen, halb Mensch. In Erzählungen werden sie auch als Hüterinnen von Wasser und Nebel dargestellt und erinnern ein bisschen an Nymphen in der griechischen Mythologie.
Der buddhistische König Jayavarman Vll liess den Tempel im 12./13. Jahrhundert zum Gedenken an seine Mutter erbauen. Bis zu 80’000 Menschen sollen im Tempel und in der Blütezeit in seiner direkten Umgebung gelebt haben. Er beherbergte eine Universität und 260 Göttinnen und Götter wurden dort verehrt. Die vom buddhistischen König erbaute Anlage hat auch viele hinduistische Darstellungen und gilt als Beispiel des selbstverständlichen Synktretismus der Khmer.
In Indien betteln uns viele an auf die eine oder andere Art. „Schön“ grauslich missbildete Kinder oder winzige Frischgeborene werden den entsetzten Passanten präsentiert und dafür Geld verlangt. Die Bettlerinnen funktionieren offensichtlich nach einem gut organisierten Tournus. Sie betteln eine gewisse Zeit, übergeben dann die Kinder ihrer Ablösung und machen Pause. Das Geld scheint zu fliessen. Pausen haben die Bettler wohl, aber ihre Opfer? Wie geht es ihnen? Ich verstehe Bischof George aus Kerala jetzt noch viel besser. Er und seine Leute gehen in die Dörfer, suchen gezielt nach Kindern mit Behinderungen und arbeiten – anders als es die Bettlerbanden tun – mit deren Familien, vor allem aber fördern er und seine Leute die Kleinen. Menschen mit Behinderungen werden in Indien oft ausgeschlossen, müssen schnell sterben oder vegetieren als leichte Beute von Bettlerbanden vor sich hin, eine sprudelnde Geldquelle, die ausgebeutet wird, bis die Kinder sterben. Rechte haben Menschen mit Behinderungen anscheinend gar keine. Schuldgefühle hat niemand. Das ist eben schlechtes Karma.
Elefanta bei Mumbai
Vor dem einfachen Hotel, in dem wir untergekommen sind, werden um ca. 2 Uhr morgens alle Waren weggeschlossen. Die Strassenverkäufer, Männer, Frauen und Kinder legen sich nebeneinander auf den harten Pflasterboden, breiten ein schmales Tuch über sich und schlafen bis 6/7 Uhr. Dann stehen alle auf, es wird gewischt und die Waren werden für den Tag wieder hervorgeholt und erneut ausgebreitet. Wir können uns jeweils kaum durchdrängeln bis zum Aufgang des Hotels. Der Aufgang ist düster und schmutzig. Er wird gleichzeitig als Warenlager für T- Shirts gebraucht. Das Hotel liegt im 3.Stock (ohne Lift). Es hat glänzende Boden und gute Betten. Aber die Toilettenspülungen und die Duschen werden durch eine kurze Röhre direkt nach aussen an die Hausmauer geleitet und dort gluckert das Ganze als üble Brühe der Hausmauer entlang nach unten. Kanalisation????
Reisen und Geldangelegenheiten
Den Reisealltag in Indien fand ich hart. Pünktlichkeit? Zuverlässigkeit? Klare Preise? Das klappt letztlich schon – irgendwie. Aber bereits beim Kaufen von Zugkarten ist es immer wieder anders. Sie kosten für lange Strecken z.B. CHF 15.- in erster Klasse, im Liegewagen, falls wir als über 60-jährige Alte eingestuft werden. Oder wir bezahlen 80.- CHF für genau das Gleiche, wenn wir als Touristen eingestuft werden. Es ist überall in Indien üblich, von Touristen das Mehrfache zu verlangen.
Das Trinkgeld ist gut bemessene 10% des gesamten Betrages. Es ist trotzdem immer viel zu wenig. Damit ist ihre Monatsmiete noch nicht gedeckt und das Schulgeld für die Kinder noch nicht bezahlt… Die Dienstleister sehen uns treuherzig an : „I love you – do you love me?“ Das ist ihr schlagendes Argument, um von uns ein Mehrfaches einzufordern. Oder wollen wir etwa daran Schuld sein, dass die „geliebte“ Person Sorgen haben muss…? Diese Masche stösst mich ab. Und doch gibt es diese grauenhafte Armut im Alltag tatsächlich. Aber sie gehört genauso zum Alltag in Indien wie die streng abgetrennte Welt der unermesslich Reichen.
Mitgenommen aus den widersprüchlichen Realitäten in Indien habe ich die unglaublich warmherzige Art der Menschen. Dazu gehört ihr liebenswürdiges „Kopfwiegen“, wann immer Diplomatie gefragt ist. Ist es ja? Ist es nein? Wichtig ist vor allem die Harmonie und nicht so sehr die gleiche Meinung. Die Landschaften sind fantastisch, die Tempel und Traditionen beeindruckend und die überwältigende und trotz allem überraschend gewaltlose Vielfalt der Kulturen und Überzeugungen lässt Edlef und mich demütig zurück. Indien? Das ist eine Dimension für sich. Wie können wir etwas anderes tun, als zu staunen und vorerst einmal einfach nichts zu sagen?
Die Grosswäscherei für die Hotels in Mumbai hat ausschliesslich für Männer Arbeit und besteht aus einem RiesenlabyrinthStatt Klämmerli gedrehte SeileIn der Kloake um Mumbai wird gefischt.Selbstgebasteltes Fischerbötli Armer
Wir sind in Singapur!
Jetzt in Singapur erleben wir fast einen Kulturschock. Es hat funktionierende Strassenlichter nach denen sich der Verkehr tatsächlich richtet. Und es gibt intakte Strassen. Es wird nicht dauergehupt und dauergeschrien. Wer mit Rollstuhl unterwegs ist, hat entsprechende Trottoirs. Regeln werden selbstverständlich respektiert. Die Wasserläufe stinken nicht, die Strassen und sind sauber. Man watet nicht durch undefinierbaren Unrat. Allerdings tragen in Singapur die Frauen keine farbenprächtigen Gewänder mit Goldrändern und an den Armen klappern keine Schmuckreife (auch die ärmste Strassenputzerin in Indien hat diese). Es ist sauber, es ist geordnet, es ist langweilig…Aber bei allem Respekt vor der bunten Andersartigkeit, ICH LIIIEBE LANGWEILIG.
Alles tut weh, die Augen, die Glieder und die Nase rinnt. Das ist die Folge dieser zahllosen Airconditions und der vielen Ventilatoren, die überall dröhnen, wispern und rattern. Es scheint, Hauptsache sie blasen kalt und sind zuverlässig laut.
Ich denke: Es ist doch bloss 30 Grad!!! Warum muss man sich, statt gemütlich und faul im Schatten zu sitzen, von eisigen Luftströmen anblasen lassen? Wer will schon frieren? Die hohen Temperaturunterschiede zwischen aussen und innen haben bei mir regelmässig eine starke Erkältung zur Folge.
Edlef hat sich vorgenommen, in Mumbai ins Kino zu gehen. „Weisst Du, wir sollten das Bollywoodfeeling mitbekommen…! Wir sind doch in Mumbai, der Filmindustriezentrale von Indien,“ schwärmte er. „Bollywood?“ meinte ich grantig, „Hindi? da verstehen wir doch kein Wort!“ Aber ein bisschen Heimweh nach unserem einzigen Enkelchen, Alessia, habe ich schon und da lief doch „Frozen 2“ für Kinder. In Basel wäre ich es mit ihr ansehen gegangen! Kurz, Edlef und ich einigten uns und wir löste für 2 Franken 40 die beiden Kinotickets. Wir setzten uns in den Saal. Die AC (Airconditioning) Bise pfiff mit ganzer Macht um unsere Ohren. Eis-schlotter-kalt. 2 Stunden lang. Ich verkroch mich unter meinem durchsichtigen Schal, geholfen hat es wenig. Nach dem Kino wankte ich mit geschwollenen Augen und Halsweh hinaus. Bollywood oder Hollywood, das ist völlig egal. „Frozen“ muss nicht so wörtlich aufgeführt werden wie in Mumbai. Und Edlef? Er fand es „ein bisschen kühl“ und lief beglückt aus seinem „echt indischen“ Kinoerlebnis hinaus. Ihn plagte anschliessend kein Schnupfen. Kein Halsweh, keine Unterkühlung. Wie macht er das bloss?
Edlef schreibt: Der Mahatma (grosse Seele) ist auf jeder einzelnen Banknote jeglichen Wertes abgebildet und auch sonst hochverehrt und allgegenwärtig als „Vater der Nation“. Am 2.10. war sein 150. Geburtstag. Als er sich in den 1890er Jahren in London zum Staatsanwalt ausbilden liess, schrieb er einmal, dass in Indien 25 Mio Leute lebten; heute, 130 Jahre später, sind es 50mal so viele!
Wir haben heute das „Haus eines Freundes“ besucht, wo er in Bombay damals wohnte. Sehenswerte Ausstellung mit Lebenslauf, Originalbibliothek und -bett und in Kästen nachgebildete Schlüsselszenen aus seinem Leben – gut gemacht.
Szene seiner Ermordung mit 78 Jahren durch einen jungen Hindu-Nationalisten, nachdem im Jahr zuvor die zwei Nationen Pakistan und Indien gegründet worden waren.
Sein Vorbild der Gewaltlosigkeit und zivilen Ungehorsams, welches das Weltreich England in die Knie zwang, ist ein Lehrstück darüber, was mit Ideen, Symbolhandlungen und Einsatz des ganzen Lebens menschenmöglich ist. Eine Jahrhundertpersönlichkeit, auch von zentralen Sätzen der Bergpredigt Jesu geprägt. Mehrmals hat er entscheidende Fortschritte nur erzielen können, indem er ein „Fasten bis zum Tod“ anfing, und die Menschen, nur um ihn nicht sterben zu lassen, über ihren Schatten gesprungen sind.
Obwohl er durch ein solches Fasten die Gleichberechtigung der Dalit (damals Unberührbare genannt) durchsetzte, verehren diese einen anderen Mann der damaligen Zeit noch etwas mehr, nämlich einen von ihnen, der noch weiter als Gandhi gehen wollte, Dr. Ambedkar.
Heute scheinen internationale Konzerne die Entwicklung zur Anerkennung der Kastenlosen entscheidend voranzubringen, denn sie setzen die schon lange bestehenden Gesetze über Quoten für Dalits auch tatsächlich um, im Gegensatz zu einheimischen Konzernen.
Abschied von Goa und Zugreise nach Mumbai Wir haben unseren Platz im Zug problemlos gekriegt und sind etwa eine halbe Stunde verspätet aus Madgaon abgefahren. Eine kleine Familie gesellte sich im letzten Moment noch zu uns ins Abteil. Es war ein Muslim mit seiner zum Islam konvertierten Frau. Fast sofort kamen wir ins Gespräch. Sie sei Ingenieurin, erzählte die noch jüngere Frau, aber sobald sie schwanger geworden sei, habe sie ihre Karriere aufgegeben. Das Paar hat ein herziges 6-jähriges Töchterlein. Aischa erzählte, sie habe daheim Hausangestellte, aber ihr Mann helfe zusätzlich noch bei allem mit. Ob ihr nicht etwas langweilig werde mit nur einem Kind und soviel Hilfe? wagte ich mich vor. „Nein“, rief Aischa, „im Gegenteil.“ Sie treffe sich mit ihren Freundinnen und Bekannten zum Tee Trinken, Shoppen und einfach so. Ihr Mann tue genau, was sie von ihm wünsche…
Aischa und Claudia
Irgendwie kamen mir ihre Beschreibungen vertraut vor. So habe ich schon andere Muslimas erzählen gehört mit genau den gleichen Idealen z.B. im Aargau oder auch in Deutschland. Sie bezeichneten ihre Lebensform als „Paradies“. Ob das wirklich so sei? fragte ich vorsichtig nach. Wünschen sich hochgebildete, muslimische Frauen in ihrem Leben wirklich nichts anderes als shoppen gehen und Tee trinken mit Freundinnen? Aischa überlegte kurz und gab mir sofort recht. Natürlich könne man das bezweifeln, aber es sei die tatsächliche und freie Wahl jeder Frau…, das sei doch toll. Wir haben noch über dies und jenes berichtet, immer wieder aber stolperten wir über die muslimischen Stereotypen: Frauen sind glücklich, wenn sie daheim beim Tee Trinken sitzen können mit Kindern. Aischa schien davon überzeugt: alle Frauen wollen genauso leben, Islam sei eine Religion der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens. Die Unterschiede der Rechte Mann und Frau, Nichtmuslime-Muslime müssten einfach richtig verstanden werden. Und zum IS und zu Boko Haram meinte das Ehepaar, da könne man nichts machen, Enthusiasten würden eben manchmal „übers Ziel hinausschiessen“. Wir haben das so respektiert und sind bald auf den Pritschen eingeschlafen.
The Gateway of India, erbaut 1924. Wir kamen so früh mit dem Zug an, dass wir nur schnell unser Gepäck in die Pension brachten und gleich hierher fuhren.Wer religiöse Orte besuchen will, muss viele Vorschriften beachten, auch im Hinduismus
Am ersten Tag in Mumbai assen wir in einem Restaurant Z’Mittag, das gleich gegenüber unserer Unterkunft liegt. Beim Eintreten fiel uns auf, dass sich im unteren Stockwerk keine einzige Frau aufhielt, erst im oberen Stockwerk war neben mir noch eine weitere Frau zu Gast. Die Bedienung war gut gedrillt und korrekt. Es waren junge Männer, alle in uniforme weiss-graue Kittel gekleidet. Viele der Gäste hatten sich in einem ähnlichen Stil gekleidet. Es wirkte auf mich wie in einer Sekte: gleiche Kleidung, gleicher Haarschnitt, gleicher Gesichtsausdruck… Es war das Restaurant einer wohl strengen, muslimischen Ausrichtung. Abends gingen wir in ein hinduistisches Restaurant. Hier war es lärmig, quirlig, farbig. Ein wildes Durcheinander an Kulturen und Menschentypen trifft in diesem Quartier friedlich aufeinander. Diese beiden völlig anderen Gaststätten liegen beinahe nebeneinander. Der Unterschied in Stimmung und Klientel ist fast nicht auszuhalten. Aber eigentlich habe ich mir Mumbai genauso vorgestellt. Unglaubliche Gegensätze, die selbstverständlich nebeneinander existieren. Allerdings muss ich gestehen, dass mir Uniformität wie auch immer und entmündigende Paradiesvorstellungen bei Frauen wie z.B. von Aischa Angst machen.
Am Morgen, bevor die Strassenhändler ihre Ware in die Gestelle ordnen, putzen sie ihren Bereich sauber. Genau dort haben über Nacht dicht an dicht Obdachlose geschlafen.Hier fischen einfache Menschen im Meer. Es ist eine eindrückliche Schmutzbrühe
Heute reisen wir abends weiter nach Mumbai. Wieder per Zug… hoffentlich… vielleicht… man weiss ja nie.
Diese Unsicherheit kommt daher, dass wir es bis jetzt nur auf die Warteliste geschafft haben. Wir sind inzwischen auf Warteplatz 1 und 2. Tönt doch gut?
Und wenn wir es nicht schaffen? Dann werden wir schauen müssen, was möglich ist… per Bus? …nochmals übernachten? …Und dann? Wir nehmen es mit Indiens Motto „no problem“. Irgendeine Lösung findet sich immer und dazu diplomatisch mit dem Kopf wackeln, das bedeutet freundliche Aufmerksamkeit oder ja oder nein – vielleicht.
Endlich sehen wir auf dem Bildschirm die erlösende Nachricht: es klappt! (Na, wer sagt’s denn? Es ist tatsächlich „no problem“). Inklusive unserer Namen auf Hindi.
Was wir hier erleben an freundlichen Menschen, feinem Essen, fantastischen Panoramen ist überwältigend schön… kurz, es ist beglückend.
Wir sitzen am Strand in Palolem, lauschen den Wellen, bewundern die Natur, schauen den gemütlich dahin schlendernden Touristen zu und geniessen jeden Moment. Wir können es fast nicht fassen, daß uns das geschieht.