58. Eindrücke aus der Rückreise  und Ende des Reisetagebuchs

Edlef am 9.6. im fast leerer Flughafen in Auckland.
Maskenpflicht in allen Flughafen und auf allen Flügen.
London Heathrow Ankunftshalle
In Los Angeles konnten wir ein 2dl Fläschchen Prosecco kaufen. Nach dem geglückten  „Gump“ nach Europa haben wir in London stolz und erleichtert mit Plastikbechern aus dem Flugzeug angestossen.
Die sonst vollen Anzeige-Tafeln in London Heathrow sind fast leer

Auf der Rückreise ist alles überraschend problemlos gelaufen. Die Flugzeuge waren pünktlich, die Mitarbeitenden freundlich und zum ersten Mal haben wir sehr hilfsbereite Einreisebeamte getroffen!  Wir haben riesigen Respekt gehabt vor dem Einreise- und Ausreiseprocedere in Los Angeles und der knappen Zeit, die uns zur Verfügung stand. Aber es hatte nur ganz wenig Fluggäste und das Personal war so hilfsbereit, dass wir es locker schafften.

In London Heathrow hat man den Eindruck, es gebe mehr Angestellte als Fluggäste. Wir hatten 8 Stunden Wartezeit bis zum Weiterflug in der Swiss nach Zürich. Das gab uns reichlich Zeit zum Beobachten, umso mehr, als alle Läden und alle Restaurants geschlossen waren. Es gab Fluggäste in voller Coronamontur, andere sparten mehr, zum Beispiel Männer, die sich selbst teure Gesichtsmasken gönnten, während ihre Frauen die Billigversionen tragen mussten.

Maximaler Coronaschutz – ob er nützt?

Wir hatten in den British Airways von Los Angeles nach London eine Sitzreihe für uns allein. Von den Fluggästen sprach niemand miteinander. Hin und wieder schrie ein Kind. Es gab auf dem langen Flug nur eine reduzierte Essversorgung, aber hungern musste niemand. In der Swiss von London – Zürich sassen die Fluggäste dicht an dicht. Auch hier war Mundschutz obligatorisch.

Zurück in Basel

Wir sind nun schon seit 2 Tagen zurück in Basel und werden für 2 Wochen in Selbstisolation bleiben, um andere nicht zu gefährden. Dabei ist nicht der lange Aufenthalt in Neuseeland ein Problem, sondern unsere fast 40-stündige Reise über LA und London. Unsere Familie ist grossartig. Sie geben uns das Gefühl, hochwillkommen zu sein. Sie kaufen für uns ein, kümmern sich um Amtliches, sorgen dafür, dass es uns wohl ist. Es ist rundum schön, ein Daheim zu haben, Freunde und Familie. Zu unserem Hochgefühl trägt auch bei, dass hier Sommer und warm ist, dass eine glückliche Stimmung herrscht und sich alle nach einer strengen Corona-Zeit wieder freier bewegen können. Verglichen mit Auckland und den USA, spürt man in der Schweiz fast keine Corona Einschränkungen mehr.

Edlef und unser Enkelkind beim gemeinsamen Netflix Schauen. Nach Quarantäne.
Wir treffen zufällig wieder Familie. Z.B. am Rhein, hier Edlef, unser Sohn mit Victoria.

Wie geht es weiter?

„Werdet Ihr wieder auf Reisen gehen?“ fragten uns Freunde bei der Heimkehr. Ja, natürlich möchten wir das! Wir möchten mehr von der Welt sehen und weiter lernen. Und wir haben auch schon Pläne dafür. Wie soll es nun weiter gehen? Wir möchten alles möglichst so umsetzen, wie erträumt: Wir freuen uns auf Zeit mit Freunden und Familie. Wir werden in den kommenden Monaten in Valencia wohnen und im März 2021 nach Basel ziehen. Wir sind offen für Stellvertretungen. Die Corona „Daheimsitz Zeit“ war ziemlich langweilig. Gerne aber richten wir uns auch ein in der neuen Zeit als Rentner. Gerade hier gilt es viel zu entdecken, da wir lange Jahre kaum Freizeit hatten, keine Hobbies pflegen konnten und  eigentlich ständig in Pflicht waren.  Das war nie ein Opfer, weil wir immer grosse Freude an den vielen Begegnunge und an unserer Arbeit hatten. Was will man mehr?

Unsere Adresse bleibt: Haltingerstrasse 26, 4057 Basel. Die Telefonnummer ist die gleiche: 079 253 91 45

57. Es ist Winter und wir reisen heim

Aussicht vom Mt Eden auf Auckland City. Unsere Reise führte uns vom Mt Doom zum Mt Eden – das ist ein echt lustiger Reiseverlauf: von der Verdammnis ins Paradies
Wir haben hier richtig gute Menschen kennengelernt. Sie alle sind mit einer Kirche verbunden. Zufall? Oder liegt das sich Kümmern um Fremde in den Genen der Kirchenleute?

Der Winter ist gekommen. Es ist kühl/kalt und oft regnerisch. Aber die Neuseeländer sind umgänglicher und entspannter geworden. Es hat hier keinen einzigen aktiven Covid-19 Fall mehr. Alle sind stolz und glücklich darüber: „Das haben wir gut gemacht“, hören wir immer wieder in Gesprächen. Während der Krise hatte die Bevölkerung oft einen harten, abweisenden Umgang mit Fremden. Aber es habe auch 35% mehr häusliche Gewalt gegeben, wurde in den Nachrichten gemeldet. Zum Glück blieb die Regierung humanitär offen und lösungsorientiert. Sie machten zwar strenge Vorschriften, aber „be kind“ war ihr Motto.

Typisch auch in Neuseeland

Edlef und ich sind fasziniert von der japanischen und schwedischen Freiwilligkeit, welche Covid-19 sehr ernst nimmt, aber auf die Mündigkeit und aktive Begleitung der Bevölkerung setzt statt auf Strafen und Verbote. Sie fragen nach den Risikosituationen, wo es zu erhöhten Ansteckungen kommt: kein singen/ Karaoke, keine Barbesuche, Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen meiden und keine Grossveranstaltungen. Hygiene.

In unsere Zeit in Auckland haben wir intensiv neuseeländische Produkte ausprobiert. Das neuseeländische Getränk hier macht Reklame mit dem Slogan: weltweit berühmt in Neuseeland. „Die Welt“ kann in der Reklame ganz schön klein sein.

Wir haben von der Notlinie des Reisebüros für den Juli ein Rückreiseticket offeriert bekommen. Das ist zu langsam. Wir müssen dringend Verschiedenes ordnen und erledigen in der Schweiz, die finanzielle Planung erlaubt es uns nicht, länger im teuren Auckland zu bleiben, die Versicherungen laufen aus, es ist höchste Zeit, auch wieder unsere Familie und Freunde zu treffen, zu vernehmen wie es ihnen geht. Das Heimweh beginnt.

Ganz zuoberst, im 9.Stock des gelb bemalten Hochhauses, ist unsere 2-Zimmer Mietwohnung.

Edlef hat sich in der Zeit in Auckland pro App-Lösung von 45 auf 9 Minuten gesteigert! Alles im Selbststudium.

Spazieren in Aukland ist attraktiv

Wir haben den Fluggesellschaften direkt telefoniert. Das hiess pro Fluggesellschaft eine ganze Stunde in der Warteschlaufe bleiben und dann etwa eine halbe Stunde lang verhandeln. Noch leben 50’000 „Gestrandete“ in Neuseeland. Sie alle sollen irgendwie heim können. Kein Wunder, dass die Linien überlastet sind. Auch sind noch längst nicht alle Neuseeländer zurück. Erst vor kurzem ist ein Sonderflug voll Neuseeländern aus Indien gelandet. Unsere Warterei in der Telefonschlange hat sich gelohnt, Edlef konnte Flüge arrangieren, die uns nun am 9./10. Juni in die Schweiz führen sollen. Die Reise hatte keine Varianten. Nur eine einzige Flugmöglichkeit führt von Auckland nach Los Angeles, es ist nur ein einziger Weiterflug möglich nach London. Darum müssen wir eine sehr knappe Umsteigezeit in Los Angeles in Kauf nehmen. Wir sollen innerhalb von nur 95 Minuten unser Gepäck abholen, durch den Zoll gehen, durch die Sicherheit, neu einchecken, erneut durch die Sicherheit und im riesigen Terminal Tom Bradley zum Dock rennen, um pünktlich im Flugzeug der British Airways zu sitzen. Wir waren auch früher schon im Transit in LA. Es war nicht lustig. Aber unmöglich ist es nicht. Wir hoffen, dass alles klappt. Wie wir die Situation einschätzen, wird es im Juli nicht einfacher sein, nur später.

Liebenswerte Strassenkunst

Wir haben viel über Neuseeland und den Alltag hier gelernt. Ich bin überzeugt davon, Neuseeländer hätten keine Freiheitsstatue, sondern eine Gleichstellungsstatue. Der friedliche und egalitäre Umgang ist ihnen zentral. Sie haben als erstes Land der Welt das Frauenstimmrecht eingeführt, als erstes Land ein Sozialsystem für alte Menschen und Bedürftige. Diese haben so etwas wie einen Grundlohn für ihr tägliches Leben. Pensionierte erhalten Gratisdienstleistungen z.B. wird ihnen der Rasen geschnitten, eingekauft u.a. Die Regierung setzt darauf, dass alte Menschen in ihren eigenen vier Wänden bleiben können möglichst bis zum Tod. Allerdings ist auch hier Einsamkeit ein sensibles Thema. Minderheiten werden geachtet. Maori haben viele Sonderrechte und Ressourcen, um ihre Kultur und Traditionen pflegen zu können. Ich muss gestehen, ich bin beeindruckt von vielen ihrer nachhaltigen Regelungen und dem Alltag in Neuseeland.

Hier in Neuseeland hat mir die Selbstironie aus der Schweiz gefehlt. Grüsse aus der Schweiz wie dieser, haben uns immer riesig gefreut.

56. Pech im Flug-„Leiterlispiel“ – zurück auf Feld 1

Heim reisen? Wir sind soweit, dass wir fast nicht mehr wissen, wie das buchstabiert wird. Alle unsere Flüge sind wieder gecancelt. Es war so wunderschön, einen Rückflug zu haben… Wir haben die Bestätigung fast eingerahmt. Und jetzt stehen wir wieder am Ausgangspunkt. Es ist wie ein Leiterlispiel. „Vorwärts! Alles klappt!“ Und dann: „Oups Du rutschest runter! Alles ist gecancelt, zurück auf Feld 1.“

Möwen in der „Warteschlange mit Sicherheitsabstand“ vor dem Abflug
Eine der seltenen Waldtauben

Die Notlinie des Reisebüros funktioniert und nimmt sich nun doch wieder des Problems an. Aber es daure noch lange Wochen bis zur Lösung, wurde uns mitgeteilt. Inzwischen wird es in Auckland von Tag zu Tag kälter. Mit unseren Hochsommerkleidern wird es schlotterkalt, und ich bin froh, dass die Kleiderläden wieder geöffnet haben. Wenn ich mich über die Kälte beklage, staunt mich Edlef ungläubig an. „Nein, kalt ist es nicht“, widerspricht er. Aber mir genügt es, ihn anzusehen, wie er in seinem dünnen, kurzärmligen Sommerhemd herumspaziert und schon klappern mir die Zähne. „Wir besorgen uns heute Pullis“, habe ich Edlef mitgeteilt. Er hat mich etwas grummelig angeschaut, aber wir sind doch zur Einkaufsstrasse gelaufen. Wer meint, man könne einfach in die Warenhäuser spazieren und seine Einkäufe tätigen, täuscht sich. In die Lokale dürfen nur wenige Kunden eintreten, die anderen müssen nach wie vor in einer Schlange mit Sicherheitsdistanz anstehen. Am Eingang liegen Listen auf, in die man sich eintragen muss. Namen, Telefonnummer, Zeit… Ich finde das lästig, auch wenn ich begreife, dass es für das „Tracking“ von neuen Covid Fällen wichtig sein kann. „Wie wollen Sie sich hier in Neuseeland anstecken?“ wagte ich eine Verkäuferin zu fragen, „Sie haben hier doch gar keine Covid-Fälle mehr!“ Oups, damit betrete ich „Glatteis“. Wenn ich den Mund öffne und mein Akzent wird hörbar, wird mir sofort mit schreckgeweiteten Augen die klassischste aller klassischen Covid-Fragen gestellt: „Seit wann sind Sie in Neuseeland?“ Ich habe kein Verständnis für diese Angst-Frage. Wer frisch nach Neuseeland kommt, wird sofort und wörtlich eingesperrt. Es bedeutet 14 Tage knallharte Quarantäne in einem abgeschotteten Hotel mit nur 1/2 Stunde Spaziergang pro Tag im Freien und zwar unter Polizeiaufsicht. Alle wissen das. Warum dann diese Angst?

Wer genau hinschaut sieht den doppelten Regenbogen!

Unser Alltag gestaltet sich ruhig. Edlef ist oft am Programmieren. „Von den 4 Aufgaben habe ich eine auf Anhieb richtig gelöst“, strahlt er. Er kam gestern damit ca. auf Platz 7600 im Google Wettbewerb mit fast 14’000 Teilnehmern. Es nahmen viele Nationalitäten teil daran. Über die Hälfte der Wettbewerbsteilnehmer sind Inder. „Warum hat es nicht mehr Chinesen? Russen oder Amerikaner?“ wundert er sich. Und dann vertieft er sich wieder in seine Computer-Aufgaben.

Edlef während des Google-Wettbewerbs
Für Schweizer ist im Falle von Heimweh in Auckland vorgesorgt

55. Rückflugticket und Muttertag

Im Moment haben wir wieder ein lückenloses Ticket zurück in die Schweiz! Was für ein ausgesprochen gutes Gefühl! Unser Reisebüro schaltet im Internet nicht einmal mehr eine automatische „out of office“ – Antwort auf. Zum Glück haben wir herausgefunden, wie wir jetzt selbst zu unseren Ticket-Links kommen und können sie im Notfall selbst bearbeiten.

Die Premierministerin, Jacinda Ardern, hat für nächste Woche den offeneren Level 2 angekündet. Allerdings mit dem moralischen Drohfinger, es könne auch wieder anders kommen… wenn die Bürger nicht brav und distanziert blieben. Mit dem Eintritt in Level 2 öffnet sich Neuseeland innerhalb der eigenen Grenzen. Solidarität wird in einem durchaus guten Sinn gross geschrieben. Trotzdem macht es mich nachdenklich. Geholfen haben uns in Neuseeland ausschliesslich Immigranten: Zuerst Chinesen, die liebenswürdig korrekten Besitzer des Hotels, in dem wir sofort unterkamen als alles überraschend schnell geschlossen wurde. Dann das freundliche Ehepaar aus Napier, das uns bei sich eine Notunterkunft offen hielt, sie sind eingewanderte Briten, und jetzt der ermutigende Kontakt mit eingewanderten Schweizern. Aber Neuseeländer? Die benehmen sich höflich und distanziert und scheinen sofort überfordert. Sie geben uns das Gefühl: „Bloss nicht mit euch „schmutzigen“ Fremden Kontakt haben!“ Ist das in der Schweiz gleich? Sind wir Einheimischen ebenso herablassend distanziert gegenüber Fremden? Sind es auch bei uns die Immigranten, die trotz Stress offen und freundlich bleiben? Angst wegen einer Ansteckung haben alle und doch gehen die unterschiedlichen Menschen anders um mit der Situation. Ist das abhängig von der Herkunft? Wenn ja, dann müssen wir bei unseren Immigranten in der Schweiz in die Lehre.

Blick auf Frauen und Mütter in Wandbildern in Auckland

Frauen sind hier als oberflächliche Geschöpfe dargestellt. Alles ist Mode und Shopping, und alles nur für sich
Treu sorgende Familienfrauen oder raffinierte Prostituierte, alle können liebevolle Mütter sein. Wird das tatsächlich anerkannt?
Ein starkes Idealbild: Frauen sind jung, ansteckend glücklich und schön.

Muttertag in Neuseeland ist genauso plump, wie wir ihn aus der Schweiz kennen: Er feiert die Rolle der Frauen in den Familien. Als Mütter werden Frauen als Heldinnen gefeiert, über die anderen Frauen wird geschwiegen. Die „Mutter“ wird dadurch zur Funktion. Sie ist kein wirklicher Mensch mit Talenten, eigenen Vorlieben und Träumen.

Wer will einen Job, der bloss aus Oberflächlichem besteht? 24 Stunden im Dienst ohne Lohn? Wer vor allem gefallen muss, etwa „schön“ und „süss“ sein, verliert sowieso. Wir alle werden älter und das schneller als wir denken.

Laut diesem Schaufensterplakat zum Muttertag 2020 sollen Mütter wie folgt sein: Erstaunlich, liebenswürdig, schön, glücklich/zufrieden, süss und fürsorglich. Aber „Dad“ darf auch nicht fehlen… so zumindest wurde von Hand darunter dazu geschrieben. Ist nicht er neben den Kindern das Zentrum des „Mutter“-Lebens? Nur verlangt man vom Mann nicht diese lächerliche Liste an Eigenschaften wie von der Frau.

Die Welt hat sich entwickelt. Die Hausphase von Frauen kann maximale 20 Jahre gerechtfertigt werden. Ein Frauenleben aber dauert im Schnitt 84 Jahre. Frauen treten nach einer gewissen Familien-Zeit oft schlecht bezahlte, untergeordnete Teilzeitstellen an. Genau in die Zeit, in der die Entwicklung des Berufslebens stattfindet, fällt die Familienzeit, d.h. ins Alter zwischen 30-50 Jahren. Muss sich mann/frau tatsächlich entscheiden zwischen Kindern daheim, Beruf und persönlicher Entwicklung? In verbindlichen, zuverlässigen Partnerschaften können verschiedene Rollen gelebt werden. Das gibt eine beglückende und herausfordernde Freiheit für Frauen und Männer. Sie beinhaltet gleichzeitig Kinder aufzuziehen, ein Einkommen zu generieren, selbst weiter zu lernen und persönlichen Ausgleich zu finden. Wer macht was? Es gibt hunderte von Varianten. Aber leicht war diese Kreativität noch nie. Psychologen warnen: Väter, die daheim haushalten, würden fast sicher untreu, Frauen als Heimchen am Herd würden versimpeln und ihr Selbstbewusstsein einbüssen… Solche und ähnliche „Forschungsergebnisse“ scheinen mir willkürlich. Psychologie ist vergleichsweise eine junge Wissenschaft. Vieles, was heute als wahr gilt, wird morgen der unbegreifliche Irrtum von gestern sein. Feststellen kann man wohl bloss: Es ist verlockend, anerkannte, alte Bilder zu pflegen.

Umso dringender ist es, den bequemen Zopf „Muttertag“ abzuschneiden. Zu oft fixiert er in erstickender Weise alte Denkmuster, statt die Güte und das „Caring“, das heisst die „Mütterlichkeit“ im archetypischen Sinn, in die Gesellschaft zu integrieren. Mit dem Muttertag ist es wie mit Schneewittchen oder dem Osterhasen. Niemand glaubt an diese Gestalten. Trotzdem hört jede Generation wieder gerne ihre Geschichte. Während man aber über Märchen staunt und den Osterhasen belächelt, wird von Frauen immer noch ein reales Leben in einer fiktiven „Osterhasen-Schneewittchen“-Rolle verlangt. Das dürfte – recht überlegt – nicht einmal mehr toleriert werden.

Dieses Bild einer Maori Frau an einer Hausmauer in Auckland gefällt mir sehr gut. Wenigstens bildet es weder die „süsse“ Heilige ab, noch die versexualisierte „Schöne“. Dafür denkt man bei ihr eher an selbstbewusst, verantwortlich und stark.

54. Unsere Rückreise wird zur „never ending“ story

Wir starren auf den Computerscreen: Schon wieder! Schon wieder ist uns ein Rückflugticket gecancelt worden. Aber weit schlimmer ist die Nachricht, dass unser Reisebüro dicht macht. Unser „Anker“, die zuverlässige Unterstützung, fällt damit weg.

Herbststürme fegen über Auckland und bringen den lang ersehnten Regen. Für uns in unseren Hochsommerkleidern wird es kalt. Noch können wir keine wärmeren Kleider kaufen, alle entsprechenden Läden sind geschlossen.

Wie kommen wir nun zurück? Es scheint ein gewinnbringender Geschäftszweig für Fluggesellschaften zu werden, Flüge zu verkaufen, das Geld dafür einzukassieren und den Flug kurz darauf wieder zu canceln. Die Fluggesellschaften behalten das Geld und lassen die Kunden auf Gutscheinen mit begrenzter Gültigkeitsdauer sitzen. Im Internet gibt es Flugangebote zu jedem Termin und zu jeder Destination – es ist kein Problem, einen entsprechenden Flug zu finden. Aber unserer bisherigen Erfahrung nach wird der gebuchte Flug sehr schnell wieder gecancelt. Ein Grossteil der Angebote sind also Fake-Angebote. Nur welche sind Fake? Und welche sind real? Gilt das nicht rundheraus als Betrug?

„Triumph & Disaster“ könnten Reiseagenturbeschriftungen neu heissen. Inhaltlich: Ah! Ein Ticket gekauft! (Triumph) Kurz darauf: Oups, schon wieder gecancelt. (Disaster)

Dass Geldrückerstattungen schwierig sein könnten, ist uns klar. Aber auch für Gutscheine „prügelt“ man sich stundenlang mit störrisch-hilflosen Angestellten herum. Die in den Gesprächen gegebenen Versprechen haben keine Folgen. D.h. später müssen wir erneut in langen Warteschlaufen hängen, bis endlich jemand den Anruf beantwortet. Und dann, aber nur vielleicht, erhält man einen „Gutschein“. Bis heute hat uns noch keine Gutsprache erreicht, obwohl uns das mündlich zugesagt worden ist. Wir sind keine Ausnahme. Wir spüren, es ist Zeit für uns, zurück in eine gewisse Normalität zu kommen. Wir haben wieder einmal den gecancelten Flug „ersetzt“. Dafür gab es keine Zusatzgebühren. Mal sehen, wie lange er diesmal „hält“.

Die Corona Check-Points in Auckland bleiben geöffnet und leer. Inzwischen hat es 0 Neuinfektionen pro Tag. Trotzdem bleibt die Regierungspräsidentin vorsichtig. Immer mehr fragen: Zu vorsichtig? Oder gar stur?
Viele Blumen blühen auch noch im Herbst

53. Corona light – Vom maximalen Level 4 zu Level 3 und weiter…?

Es ist eindrücklich, was Covid-19 bewirkt. Die medizinische Seite der Krankheit ist ernst zu nehmen. Daran rüttle ich nicht. Aber was bedeutet das? Die Belastung aller ist wegen der scharfen Massnahmen hoch. Es wird mit mehr häuslicher Gewalt gerechnet, Depressionen wegen hoffnungsloser Vereinsamung werden akut, wirtschaftlich schlimme Einbussen bestürzen Menschen. Wirtschaftliche Einbussen sind vor allem ein Problem der Mittelschicht, die versucht, sich in eine etwas bessere Situation empor zu arbeiten und nun durch drohende Arbeitslosigkeit und finanzielle Unsicherheit zurückgeworfen wird. Gute Schulen, Studien Weiterbildungen, alles muss hier privat berappt werden. Aber das sind nur ein paar der unbeantworteten Fragen im Zusammenhang mit der Pandemie. Die Folgen umfassen weit mehr als den medizinisch-technischen Aspekt. In den beiden folgenden Links sind zum einen ein kurzes Video zu finden, das auch mit meiner Mitarbeit im WCC/Genf gegen Gewalt in Coronazeiten entstanden ist und zum anderen das ausführliche Statement eines kritischen Virologen.

Campagne der Kirchen in Auckland

Menschen benehmen sich in dieser Pandemie nicht einfach solidarisch, wie es wieder und wieder in den Medien behauptet wird, sondern sehr schnell obrigkeitsblind. In Neuseeland wurden über 50’000 Denunzierungen gemeldet. Brave Menschen haben ihre Nachbarn verpfiffen, weil sich diese nicht „weisungskonform“ verhalten würden. Zum Glück geht es hier nicht um Situationen wie im 2.Weltkrieg. Aber ich frage mich, ob es nicht doch gewisse Verhaltensparallelen gibt? Alle waren und sind davon überzeugt, nur „zum Wohle aller“ zu denunzieren. Die angeblichen „Sünder“ werden z.T. schlimm behandelt. So wurden Austauschschüler, die möglicherweise in Kontakt mit Covid-19 Infizierten waren, von ihren Gastfamilien nicht nur gemeldet, sondern regelrecht eingesperrt. Niemand hat ihnen das befohlen. Nicht wenige der Gastfamilien haben die Weisungen der Regierung einfach so interpretiert. Sie haben aufgehört, mit den betroffenen Teenagern zu reden und haben sogar begonnen, deren Essen zu rationieren. Alte Menschen brechen vor lauter Einsamkeit in Tränen aus, wenn jemand Kontakt mit ihnen aufnimmt und das wird auch noch gefilmt und im TV gebracht, in der Absicht, die „Wohltätigkeit und Solidarität“ der Gesellschaft zu dokumentieren. Solche Beiträge sind von einem derart herabwürdigenden Paternalismus, dass es mich als Zuschauerin sprachlos lässt. Viele Kirchen sind geschlossen, ohne jede Hilfsnummern anzugeben, wo Gespräch und Unterstützung zu finden seien. Andere machen dies besser z.B. die Auckland Mission. Es scheint der Gesellschaft wichtiger, das Risiko einer Ansteckung auszuschalten, als die Menschenrechte ins Zentrum zu stellen und zu schützen. Es gelten jetzt andere – eben Pandemie geprägte Massstäbe. Ist das akzeptabel? Menschen innerlich „zum Wohl aller“ menschlich „verhungern“, bzw völlig vereinsamen zu lassen, ist und bleibt eine heftige Menschenrechtsverletzung und in Neuseeland gibt es mit Sicherheit mehr von diesen Menschen als Covid-19 Fälle. Die Paranoia um Corona hat dazu geführt, dass selbst Paare sich voreinander isolieren und im Abstand von 2 Metern essen.

Einzeln oder zu zweit, immer aber mit Sicherheitsabstand.

Erfahrungen mit dem Lock down in Neuseeland

Ohne Humor wäre die Situation unerträglich

Sollten wir tatsächlich heimreisen können im Juni (der Juni ist als Sicherheitsdatum gewählt), wird es eine Reise ohne Schlafmöglichkeiten sein ausser im Transitbereich am Boden. Vielleicht haben wir Glück und es gibt in unserem Terminal „Sleeping boxes“? Wenn wir den Transitbereich verlassen würden, etwa um eine Nacht im Flughafenhotel auszuruhen, würden wir zum jetzigen Zeitpunkt in allen Transitländern sofort in Quarantäne gebracht. Warum mir das Sorgen macht? Menschen in Quarantäne sind isoliert. Sie haben keine Bewegungsfreiheit, kaum Selbstbestimmungsrechte und müssen dafür auch noch teuer bezahlen (z.B. USA). Auch in Neuseeland werden Neuankömmlinge bei ihrer Ankunft sofort in Gewahrsam genommen und in einem Quarantänehotel für 14 Tage weggesperrt. Nur unter Polizeiaufsicht dürfen sich diese Art von „Sträflingen“ täglich eine halbe Stunde im Freien bewegen. „Sünder“, welche die Ausgangssperre übertreten haben, werden von der Polizei gebüsst. Immer wieder müssen sich solche Menschen als üble Beispiele in einem öffentlichen „Shaming“ per TV entschuldigen. Das wird von den Medien nicht systematisch, aber immer wieder so gehandhabt. Ich meine, der Staat und die Medien haben hier Grenzen überschritten, die gegen wichtige Grundlagen unserer westlichen Gesellschaft verstossen. Alle meinen es ja „nur“ gut, warum also derartige Bedenken? Jetzt, wo es eigentlich keine Coronafälle mehr gibt in Neuseeland, schliessen sie im TV nahtlos an mit Ansagen für „Distancing“ wegen Grippe… Ich bin zutiefst besorgt und staune, wie leicht die Bevölkerung dazu gebracht werden kann, Grundrechte aufzugeben. Und es wirkt fast lächerlich, wenn Gesundheitspersonal gelobt und ausgezeichnet wird, das nie im Einsatz stand. „Gott sei Dank war das so!“ kann man sagen oder man kann nach der Verhältnismässigkeit fragen. In religiösen Gedichten und in politischen Auftritten, tönt es unglaublich edel, wenn obrigkeitliche Restriktions-Anordnungen unhinterfragt angenommen werden. Im unten kopierten Text wird Religion genau dadurch zum „Opium für das Volk“. Im Kontext der Covid Krise darf es nicht tönen, als wären wir hilflose Opfer, Gefangene in einem „Konzentrationslager“.

52. Mehl…! Und WC-Papier turmhoch!

Es gibt Mehl!

Heute haben wir wieder ein paar Lebensmittel gekauft. Wir haben zum ersten Mal in den ganzen 4 Wochen des verordneten Shut-downs Mehl in den Regalen angetroffen. Nicht viel (es war immerhin bereits 13 Uhr), aber von den 5 Paketen konnte ich eines kaufen. Wir werden noch 7 Wochen (hoffentlich nicht noch länger), in Auckland wohnen bleiben. Heute mussten wir zum ersten Mal nicht lange anstehen, um einzukaufen, sondern konnten direkt in den Laden marschieren.

Und gleich beim Eingang waren Berge von WC Papier aufgetürmt… Mehl und Toilettenpapier sind so richtig zum Symbol geworden, dass es von allem genug hat. Eigentlich sind sie schon fast zu Luxusartikeln mutiert! Wir sind froh, dass wir in der grössten Stadt in Neuseeland gelandet sind und nicht irgendwo in der „Pampa“. In Auckland war für uns Ausländer alles etwas holprig, aber wir hatten keine ernsthaften Probleme. In kleinen Orten hängen gebliebene Touristen klagten über schlechte Versorgung, Anfeindungen und unnötige Rationierungen. Die Kleingeschäfte waren vollkommen überfordert. Die Folge waren leere Gestelle und Preise, die trotz aller Vorsichtsmassnahmen der Behörden in den Himmel schossen. Jetzt, wo das Ende der strengsten Zeit absehbar ist, scheinen alle entspannter zu sein. Die Leute wirken freundlicher. Sogar das TV Programm sendet nicht mehr krampfhaft „heile Welt“-Beiträge und „ach-wir haben-einander-so-lieb“- Geschichtlein. Plötzlich werden vereinzelt Stimmen laut, die kritisch fragen, ob das Heilmittel letztlich nicht schlimmer gewesen sei als die Pandemie selbst? Man spricht davon, eine „Herdenimmunität“ anzustreben. Das hätte ohne Unterbruch ein normales Leben ermöglicht und keine derartigen Verluste für die Wirtschaft bedeutet. Andere wieder lachen über diese Vorstellung, denn eine „Herdenimmunität“ sei erst nach 25 Jahren gegeben. Nicht daran zu denken, wie viele Opfer das bedeuten würde.

Röhre am Hafen in Auckland.

Die lang erwartete Ankündigung der Ministerpräsidentin wurde heute Nachmittag, nach vier Wochen Lock down, zur Wirklichkeit. Der strengste Level 4 kann gesenkt werden auf Level 3. Das bedeutet, man darf sich wieder regional bewegen, Baugeschäfte dürfen wieder arbeiten, Schulen öffnen, es gilt aber weiter das Motto „stay home“. Nochmals 2 Wochen später soll der Level 2 eingeführt werden. Die vorsichtige Öffnung kommt später als erhofft und es bleibt weiter ungewiss, wann ein einigermassen normales Leben aufgenommen werden kann.

Selfies machen Spass

Die Zahl von Covid-19 Kranken in Neuseeland ist immer unglaublich tief geblieben. Insgesamt 86 305 Tests wurden bis heute durchgeführt. Dadurch wurden 1440 Fälle gefunden. Es gab spektakulär wenig Todesopfer, nur 19 sind zu beklagen. Und bei den Opfern ist zu fragen, ob sie mit Corona gestorben sind oder wegen Corona. Heute gibt es praktisch keine neuen Fälle mehr. Wir können hier herumspazieren und sicher sein, das wir vielen Krankheiten begegnen, aber nicht Covid-19.

Methodistenkirche an bester Lage zum Verkauf. Es ist traurig zu sehen, wie gefährdet Kirche auch hier ist. Nur etwa 50% der hiesigen Bevölkerung steht zum christlichen Glauben.
For sale sind auch viele der Schiffe im Hafen von Auckland, hier ist es die gesamte Reihe.
Es werden stolze Preise gefordert

51. Wir optimieren unser Leben im Lock down

Eine einzige Maske kostet hier 1.50 CHF bis 3.50 CHF

Stundenlange Wartereien bis wir in die Einkaufladen können, nie hat es Mehl in den Regalen, gestresstes Verkaufspersonal, deprimierte Obdachlose, eine Staats-Präsidentin, die immer das Gleiche, dafür mehrmals am Tag kommuniziert… und noch dauert es mindestens 10 Tage, bis diese schärfste Stufe des Lock down in Neuseeland gemildert wird. Edlef und ich haben inzwischen so ziemlich alle Einkaufszentren ausprobiert, die in Gehnähe sind. Am nächsten liegt ein eher schmuddeliges Zentrum mitten in der Stadt. Dort braucht es oft nur 15 Minuten Anstehzeit. Gerade genug, um einen der Obdachlosen, die davor sitzen und betteln zu fragen, was wir für ihn einkaufen sollen. Heute fragte der Obdachlose hoffnungsvoll: „Kann ich Bier haben? …Wein?“ „Nein“, antworteten wir, „keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Bargeld.“ Auch wenn er nicht seine Lieblingsprodukte erhalten konnte, er musste nicht lange überlegen, was er sich wünschte. Er habe Hunger, er wolle ein gegrilltes Brathähnchen, Butter und Weizenbrot. O.k. sagten wir. Da immer nur eine Person aus einer „Bubble“ in den Laden darf, trennten sich Edlef und ich frühzeitig, bevor uns der Eingangswächter sehen konnte und jedes ging seinem Teil der Einkaufsliste nach. Ich gebe zu, dass dies nicht gerade regelkonform ist, aber es macht uns beiden Spass, einkaufen zu gehen und nie erleben wir das Gleiche.

Der Herbst färbt die Blätter farbig. Der Wind wird kühl. Wenn jetzt noch jemand in Shorts herumspaziert, ist es sicher ein echter Kiwi. 
Kreative Plättli schmücken den Eingang der Kunsthochschule in Auckland

In der Regel bin ich schneller wieder draussen aus dem Laden als Edlef. So habe ich die Esswaren für den Obdachlosen gekauft und habe ihm draussen die Papiertüte mit dem Gewünschten in die Hand gedrückt. 2 seiner Kollegen haben ihn sofort umringt und während sie gemeinsam den Inhalt durchaus kritisch begutachteten, bin ich weiter gelaufen. Ich habe gelernt, dass man auch Obdachlosen nicht irgendetwas geben soll, sondern das, was sie gerne mögen. Dabei gibt es ein paar Stolpersteine. Aber im Grunde genommen reichen 3 Faustregeln:

1. Nicht soviel geben, dass sie damit handeln können,

2. Respektieren, dass sie ihre Vorlieben haben

3. Ihnen keine Suchtmittel kaufen. Das ist in der Regel gleichbedeutend damit, ihnen kein Bargeld zu geben.

In meinen ersten Missionsjahren in Chile hat mich die Situation der vielen Menschen, die auf der Strasse lebten, fast gelähmt. Dann kam Martin Blum, der damalige Vertrauensmitarbeiter der Mission, bei uns zu Besuch. Ich habe ihm meine Zweifel geklagt. Er hat mich gut verstanden, sagte aber: „Professionell für Gerechtigkeit arbeiten wir tagsüber, budgettreu und wie es das Projekt verlangt. Aber im privaten Leben lasse ich auch mal mein Herz sprechen und lasse Regeln beiseite.“

Diese pragmatische Haltung habe ich mir angeeignet und sie hat mir in der Folge geholfen, einen für mich erträglichen Umgang mit Obdachlosen zu finden. Auch heute war die Situation nicht einfach. Edlef und ich hätten allen 5 Obdachlosen, die vor dem Laden herumlungerten, etwas geben müssen. Das aber hätte uns überfordert. Eine völlig ausgemergelte Frau lehnte sturzbetrunken an der Wand, ein anderer starrte auf sein Bierchen… So war es diesmal sicher die beste Lösung, dem Obdachlosen vor dem Eingang etwas zu bringen, der offensichtlich Hunger hatte. Ungerecht ist es trotzdem. Aber professionell können Edlef und ich hier nichts bewegen. Von Herzen etwas Winziges tun, ist trotzdem möglich.

Herbstliches Auckland
In Neuseeland ist es im Moment zu trocken. Die Menschen sind froh, wenn es endlich etwas stürmt und regnet. Bild: Der Hafen für Segelschiffe in Auckland gilt mit über 2000 Schiffen als grösster der Südhemisphäre.

50. In Neuseeland bleibt es bei wenig Covid-19 Fällen

Es tönt bedrückend, wenn die neuesten Daten zu Covid-19 ausgestrahlt werden. Italien, Spanien und die USA liefern erschreckende Zahlen. Die Bilder völlig überfüllter Spitäler, von erschöpftem Personal und verzweifelten Menschen werden regelmässig in den News von Neuseeland ausgestrahlt.

Es zieht uns immer wieder zum Hafen und dem Meerufer bei unseren Spaziergängen

Für uns gilt vorerst ein absoluter Reisestopp. Wer auf den Strassen unterwegs ist, wird von der Polizei angehalten, überprüft und gebüsst, wenn er nicht nachweisen kann, dass er oder sie aus einem gewichtigen Grund unterwegs ist. Wir warten in Auckland ab, dass die erste Covid-19 Welle abflaut bevor wir zurück in die Schweiz reisen. Wird das noch im April sein? im Mai oder erst im August? Inzwischen spricht man von 3 Covid-19-Wellen, die in den kommenden 14 bis 24 Monaten soziales Leben schwierig machen würden und reisen kompliziert.

In Auckland gibt es viele Pärke, das Wetter ist warm und wir geniessen die Herbstsonne

Es ist in Neuseeland überall ruhig. Ein bisschen langweilig insgesamt. Aber wir fühlen uns trotzdem wohl hier. Wie lächerlich scheinen nun die Hochrechnungen der vergangenen Jahre in der Schweiz wegen einer möglichen AHV Unterfinanzierung. Es sieht aus heutiger Sicht wie ein winziges Problem aus, verglichen mit den unvorstellbaren Geldsummen und der Komplexität der Finanzsituation aufgrund von Covid-19.

Unser Tagesablauf im Lock down hat ein Alltagsgesicht bekommen. Aufstehen, gemütlich frühstücken, lesen, schreiben, lernen, 2 Stunden laufen, hin und wieder einkaufen. Das Mittag- und Abendessen haben wir zu einer einzigen Mahlzeit zusammengezogen, abends schauen wir im TV Nachrichten, Edlef arbeitet an seiner Appidee und ich beisse mir die Zähne aus am Bulgarisch Lernen.

In 3 verschiedenen Schlangen stehen die Menschen an. Die Warterei dauert auch jetzt noch 1 Stunde und mehr, bis man tatsächlich im Laden steht und einkaufen kann.

Es ist ausserordentlich ruhig. Aber in der Schweiz wäre es nicht viel anders. Die Möglichkeit, Bücher via Tolino und Kindle herunterzuladen, sind genial. Wir holen die Lektüre vieler Klassiker nach: Der fliegende Holländer, Gesamtwerke von Sir Arthur Conan Doyle, wir können „Schwergewichte“ wie Eugen Drewermann endlich mal nicht im Schnelldurchgang, sondern richtig genüsslich und intensiv lesen. Nächste Woche darf man den Wohnort wechseln, ohne gebüsst zu werden. Wir wollen unser Studio mit einer 2 1/2 Zimmer-Wohnung tauschen. Auch sie ist schlicht, erlaubt uns aber etwas mehr Bewegungsfreiheit. Edlefs grosser Traum, seine Jugendfreunde in den USA zu besuchen, musste er begraben. Sie sind zwar überzeugt davon, bereits anfangs Mai sei eine Reise möglich, wir aber sind vorsichtig. 3x sind unsere Flüge im letzten Moment gecancelt worden, jedes Mal mit Kostenfolge, das reicht uns. Unser Flug zurück in die Schweiz ist am 10.Juni. Wir müssen eine komplizierte Route nehmen und werden erst nach rund 50 Stunden in der Schweiz ankommen. Das Ticket musste sich nach heutigen Möglichkeiten richten und ist darum lang und kompliziert geworden.

Heute ist Ostern

Sogar Ostergrüsse werden angesichts von Covid-19 sarkastisch formuliert
Der Osterkorb unserer Kinder. Sie haben uns das Bild per Whatsapp geschickt

Der alte Ostergruss heisst: Christus resurrexit vere. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden Er macht Mut, gelassen zu bleiben. Das Wesentliche ist an Ostern geschehen. Der Tod ist überwunden. Er ist wahrhaftig überwunden.

49. Der Lock down wird zum Alltag

Die Kriterien des Lock down sind klar. Alles funktioniert nur noch auf Distanz. Lebensmittel einkaufen ja, aber pro Haushalt geht nur eine Person. Angestanden vor Lebensmittelgeschäften wird in Schlangen mit 2m Abstand vom einen zum nächsten Kunden. Draussen spazieren ja, aber möglichst allein, dabei unterwegs nichts berühren und nur um den eigenen Häuserblock gehen.

Geduldig wartende Kunden. In der Tiefgarage beginnt die Warteschlange
1 raus, 1 rein. Nach rund einer Stunde hat man sich als Kunde nach vorne „angestanden“.

Heute hatten wir Glück und warteten nur 45 Minuten in der fast unendlichen Warteschlange vor dem Lebensmittelladen, bevor wir hinein konnten. Alle schmunzelten, als ein Mann, verschämt grinsend, mit 2 Riesenpaketen Toilettenpapier an den Wartenden vorbeihuschte. Man sieht keine Hamsterkäufe. Mehr als 2 Einheiten vom gleichen Produkt darf man nicht erstehen.

Internationale Toilettenpapierwitze kommen via Schweiz zu uns. In Neuseeland sitzt der Schock noch zu tief. Niemand mag selbstironische Witze reissen.
Camperwagen mit Bett, eingebauter Toilette/Dusche und Kochnische für hängen gebliebene Touristen in Auckland. Sie müssen vor Ort bleiben.

Von den verstreuten Backpackers, die wir noch vor kurzem in den Pärken angetroffen haben, ist keine Spur mehr zu sehen. Alle müssen an einem klar definierten Ort bleiben, den sie für 4 Wochen nicht mehr verlassen dürfen. Tun sie es nicht freiwillig, werden sie zwangseingewiesen.

An der Wand kauert ein Obdachloser. Er konnte sich der Weisung offensichtlich entziehen. Auf der Strasse leben müssen, ist immer hart, aber jetzt? Wir können ihm kaum helfen, ihn allenfalls auf die offenen Türen der Auckland Church Mission hinweisen?
Auckland Church Mission mit Menschen davor, die für Hilfe anstehen.

Die Regierung macht grosse Anstrengungen, damit diese scharfen Anordnungen beachtet und von der ganzen Bevölkerung mitgetragen werden. Sie zieht die Regeln unerbittlich streng durch. Ein Flugzeug, das deutsche Touristen nach Berlin bringen sollte, durfte die Rückkehrer nicht transportieren, da sie an Bord zu bringen bedeutet hätte, sie aus allen Ecken des Landes anreisen zu lassen. Niemand darf mehr reisen. Viele schütteln den Kopf und fragen sich: Warum sind so viele Touristen viel zu lang im Land geblieben? Solange bis es zu spät war? Das Verurteilen fällt leicht. Aber es ist nicht einfach, sich informiert zu halten, gerade für jene, die auf Wanderungen sind oder wenn sie an entlegenen Orten mit keinem oder nur schlechtem Internetempfang eingemietet sind. Viele Touristen und „working holiday visitors“ leben in Unterkünften ohne TV und Radio. Auch Edlef und ich sind nur per Zufall rechtzeitig in Auckland angereist und haben gerade noch vom 4 Stufenplan der Regierung erfahren, bevor jede Vorbereitung unmöglich wurde. Auch wir lebten ohne Radio und TV. Inzwischen erreichen uns Pushmeldungen zu Covid-19 regelmässig per Handy. Aber das auch nur, weil wir uns eine inländische SIM-Karte gekauft haben. Das machen längst nicht alle Touristen. Wer erst spät gemerkt hat, wie schnell die Lage in Neuseeland ernst wird, hat wenig Chancen, noch einen Flug zu finden. Und sollte es doch gelungen sein, gibt es noch die Preisfrage. Viele Tickets kosten plötzlich unverschämt viel und längst nicht alle können soviel „spontan“ berappen.

Bier-Reklame für „Happy Hour“ …with Corona
Normalerweise sind diese Highways durch Auckland zu dieser Zeit überfüllt.

Auckland ist eine leise und traurige Stadt geworden. Viele Menschen strahlen Einsamkeit aus. Vor allem scheinen uns Touristen, aber auch Chinesen, egal ob diese bereits Jahrzehnte in Neuseeland leben, beliebte Bashing Opfer der Einheimischen zu sein. Die regelmässige Mahnung am TV „be kind“ ist wichtig und wird Gott sei Dank von vielen verstanden.

Die Fährschiffe funktionieren, aber wie die Busse praktisch ohne Fahrgäste