55. Rückflugticket und Muttertag

Im Moment haben wir wieder ein lückenloses Ticket zurück in die Schweiz! Was für ein ausgesprochen gutes Gefühl! Unser Reisebüro schaltet im Internet nicht einmal mehr eine automatische „out of office“ – Antwort auf. Zum Glück haben wir herausgefunden, wie wir jetzt selbst zu unseren Ticket-Links kommen und können sie im Notfall selbst bearbeiten.

Die Premierministerin, Jacinda Ardern, hat für nächste Woche den offeneren Level 2 angekündet. Allerdings mit dem moralischen Drohfinger, es könne auch wieder anders kommen… wenn die Bürger nicht brav und distanziert blieben. Mit dem Eintritt in Level 2 öffnet sich Neuseeland innerhalb der eigenen Grenzen. Solidarität wird in einem durchaus guten Sinn gross geschrieben. Trotzdem macht es mich nachdenklich. Geholfen haben uns in Neuseeland ausschliesslich Immigranten: Zuerst Chinesen, die liebenswürdig korrekten Besitzer des Hotels, in dem wir sofort unterkamen als alles überraschend schnell geschlossen wurde. Dann das freundliche Ehepaar aus Napier, das uns bei sich eine Notunterkunft offen hielt, sie sind eingewanderte Briten, und jetzt der ermutigende Kontakt mit eingewanderten Schweizern. Aber Neuseeländer? Die benehmen sich höflich und distanziert und scheinen sofort überfordert. Sie geben uns das Gefühl: „Bloss nicht mit euch „schmutzigen“ Fremden Kontakt haben!“ Ist das in der Schweiz gleich? Sind wir Einheimischen ebenso herablassend distanziert gegenüber Fremden? Sind es auch bei uns die Immigranten, die trotz Stress offen und freundlich bleiben? Angst wegen einer Ansteckung haben alle und doch gehen die unterschiedlichen Menschen anders um mit der Situation. Ist das abhängig von der Herkunft? Wenn ja, dann müssen wir bei unseren Immigranten in der Schweiz in die Lehre.

Blick auf Frauen und Mütter in Wandbildern in Auckland

Frauen sind hier als oberflächliche Geschöpfe dargestellt. Alles ist Mode und Shopping, und alles nur für sich
Treu sorgende Familienfrauen oder raffinierte Prostituierte, alle können liebevolle Mütter sein. Wird das tatsächlich anerkannt?
Ein starkes Idealbild: Frauen sind jung, ansteckend glücklich und schön.

Muttertag in Neuseeland ist genauso plump, wie wir ihn aus der Schweiz kennen: Er feiert die Rolle der Frauen in den Familien. Als Mütter werden Frauen als Heldinnen gefeiert, über die anderen Frauen wird geschwiegen. Die „Mutter“ wird dadurch zur Funktion. Sie ist kein wirklicher Mensch mit Talenten, eigenen Vorlieben und Träumen.

Wer will einen Job, der bloss aus Oberflächlichem besteht? 24 Stunden im Dienst ohne Lohn? Wer vor allem gefallen muss, etwa „schön“ und „süss“ sein, verliert sowieso. Wir alle werden älter und das schneller als wir denken.

Laut diesem Schaufensterplakat zum Muttertag 2020 sollen Mütter wie folgt sein: Erstaunlich, liebenswürdig, schön, glücklich/zufrieden, süss und fürsorglich. Aber „Dad“ darf auch nicht fehlen… so zumindest wurde von Hand darunter dazu geschrieben. Ist nicht er neben den Kindern das Zentrum des „Mutter“-Lebens? Nur verlangt man vom Mann nicht diese lächerliche Liste an Eigenschaften wie von der Frau.

Die Welt hat sich entwickelt. Die Hausphase von Frauen kann maximale 20 Jahre gerechtfertigt werden. Ein Frauenleben aber dauert im Schnitt 84 Jahre. Frauen treten nach einer gewissen Familien-Zeit oft schlecht bezahlte, untergeordnete Teilzeitstellen an. Genau in die Zeit, in der die Entwicklung des Berufslebens stattfindet, fällt die Familienzeit, d.h. ins Alter zwischen 30-50 Jahren. Muss sich mann/frau tatsächlich entscheiden zwischen Kindern daheim, Beruf und persönlicher Entwicklung? In verbindlichen, zuverlässigen Partnerschaften können verschiedene Rollen gelebt werden. Das gibt eine beglückende und herausfordernde Freiheit für Frauen und Männer. Sie beinhaltet gleichzeitig Kinder aufzuziehen, ein Einkommen zu generieren, selbst weiter zu lernen und persönlichen Ausgleich zu finden. Wer macht was? Es gibt hunderte von Varianten. Aber leicht war diese Kreativität noch nie. Psychologen warnen: Väter, die daheim haushalten, würden fast sicher untreu, Frauen als Heimchen am Herd würden versimpeln und ihr Selbstbewusstsein einbüssen… Solche und ähnliche „Forschungsergebnisse“ scheinen mir willkürlich. Psychologie ist vergleichsweise eine junge Wissenschaft. Vieles, was heute als wahr gilt, wird morgen der unbegreifliche Irrtum von gestern sein. Feststellen kann man wohl bloss: Es ist verlockend, anerkannte, alte Bilder zu pflegen.

Umso dringender ist es, den bequemen Zopf „Muttertag“ abzuschneiden. Zu oft fixiert er in erstickender Weise alte Denkmuster, statt die Güte und das „Caring“, das heisst die „Mütterlichkeit“ im archetypischen Sinn, in die Gesellschaft zu integrieren. Mit dem Muttertag ist es wie mit Schneewittchen oder dem Osterhasen. Niemand glaubt an diese Gestalten. Trotzdem hört jede Generation wieder gerne ihre Geschichte. Während man aber über Märchen staunt und den Osterhasen belächelt, wird von Frauen immer noch ein reales Leben in einer fiktiven „Osterhasen-Schneewittchen“-Rolle verlangt. Das dürfte – recht überlegt – nicht einmal mehr toleriert werden.

Dieses Bild einer Maori Frau an einer Hausmauer in Auckland gefällt mir sehr gut. Wenigstens bildet es weder die „süsse“ Heilige ab, noch die versexualisierte „Schöne“. Dafür denkt man bei ihr eher an selbstbewusst, verantwortlich und stark.

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