56. Pech im Flug-„Leiterlispiel“ – zurück auf Feld 1

Heim reisen? Wir sind soweit, dass wir fast nicht mehr wissen, wie das buchstabiert wird. Alle unsere Flüge sind wieder gecancelt. Es war so wunderschön, einen Rückflug zu haben… Wir haben die Bestätigung fast eingerahmt. Und jetzt stehen wir wieder am Ausgangspunkt. Es ist wie ein Leiterlispiel. „Vorwärts! Alles klappt!“ Und dann: „Oups Du rutschest runter! Alles ist gecancelt, zurück auf Feld 1.“

Möwen in der „Warteschlange mit Sicherheitsabstand“ vor dem Abflug
Eine der seltenen Waldtauben

Die Notlinie des Reisebüros funktioniert und nimmt sich nun doch wieder des Problems an. Aber es daure noch lange Wochen bis zur Lösung, wurde uns mitgeteilt. Inzwischen wird es in Auckland von Tag zu Tag kälter. Mit unseren Hochsommerkleidern wird es schlotterkalt, und ich bin froh, dass die Kleiderläden wieder geöffnet haben. Wenn ich mich über die Kälte beklage, staunt mich Edlef ungläubig an. „Nein, kalt ist es nicht“, widerspricht er. Aber mir genügt es, ihn anzusehen, wie er in seinem dünnen, kurzärmligen Sommerhemd herumspaziert und schon klappern mir die Zähne. „Wir besorgen uns heute Pullis“, habe ich Edlef mitgeteilt. Er hat mich etwas grummelig angeschaut, aber wir sind doch zur Einkaufsstrasse gelaufen. Wer meint, man könne einfach in die Warenhäuser spazieren und seine Einkäufe tätigen, täuscht sich. In die Lokale dürfen nur wenige Kunden eintreten, die anderen müssen nach wie vor in einer Schlange mit Sicherheitsdistanz anstehen. Am Eingang liegen Listen auf, in die man sich eintragen muss. Namen, Telefonnummer, Zeit… Ich finde das lästig, auch wenn ich begreife, dass es für das „Tracking“ von neuen Covid Fällen wichtig sein kann. „Wie wollen Sie sich hier in Neuseeland anstecken?“ wagte ich eine Verkäuferin zu fragen, „Sie haben hier doch gar keine Covid-Fälle mehr!“ Oups, damit betrete ich „Glatteis“. Wenn ich den Mund öffne und mein Akzent wird hörbar, wird mir sofort mit schreckgeweiteten Augen die klassischste aller klassischen Covid-Fragen gestellt: „Seit wann sind Sie in Neuseeland?“ Ich habe kein Verständnis für diese Angst-Frage. Wer frisch nach Neuseeland kommt, wird sofort und wörtlich eingesperrt. Es bedeutet 14 Tage knallharte Quarantäne in einem abgeschotteten Hotel mit nur 1/2 Stunde Spaziergang pro Tag im Freien und zwar unter Polizeiaufsicht. Alle wissen das. Warum dann diese Angst?

Wer genau hinschaut sieht den doppelten Regenbogen!

Unser Alltag gestaltet sich ruhig. Edlef ist oft am Programmieren. „Von den 4 Aufgaben habe ich eine auf Anhieb richtig gelöst“, strahlt er. Er kam gestern damit ca. auf Platz 7600 im Google Wettbewerb mit fast 14’000 Teilnehmern. Es nahmen viele Nationalitäten teil daran. Über die Hälfte der Wettbewerbsteilnehmer sind Inder. „Warum hat es nicht mehr Chinesen? Russen oder Amerikaner?“ wundert er sich. Und dann vertieft er sich wieder in seine Computer-Aufgaben.

Edlef während des Google-Wettbewerbs
Für Schweizer ist im Falle von Heimweh in Auckland vorgesorgt

55. Rückflugticket und Muttertag

Im Moment haben wir wieder ein lückenloses Ticket zurück in die Schweiz! Was für ein ausgesprochen gutes Gefühl! Unser Reisebüro schaltet im Internet nicht einmal mehr eine automatische „out of office“ – Antwort auf. Zum Glück haben wir herausgefunden, wie wir jetzt selbst zu unseren Ticket-Links kommen und können sie im Notfall selbst bearbeiten.

Die Premierministerin, Jacinda Ardern, hat für nächste Woche den offeneren Level 2 angekündet. Allerdings mit dem moralischen Drohfinger, es könne auch wieder anders kommen… wenn die Bürger nicht brav und distanziert blieben. Mit dem Eintritt in Level 2 öffnet sich Neuseeland innerhalb der eigenen Grenzen. Solidarität wird in einem durchaus guten Sinn gross geschrieben. Trotzdem macht es mich nachdenklich. Geholfen haben uns in Neuseeland ausschliesslich Immigranten: Zuerst Chinesen, die liebenswürdig korrekten Besitzer des Hotels, in dem wir sofort unterkamen als alles überraschend schnell geschlossen wurde. Dann das freundliche Ehepaar aus Napier, das uns bei sich eine Notunterkunft offen hielt, sie sind eingewanderte Briten, und jetzt der ermutigende Kontakt mit eingewanderten Schweizern. Aber Neuseeländer? Die benehmen sich höflich und distanziert und scheinen sofort überfordert. Sie geben uns das Gefühl: „Bloss nicht mit euch „schmutzigen“ Fremden Kontakt haben!“ Ist das in der Schweiz gleich? Sind wir Einheimischen ebenso herablassend distanziert gegenüber Fremden? Sind es auch bei uns die Immigranten, die trotz Stress offen und freundlich bleiben? Angst wegen einer Ansteckung haben alle und doch gehen die unterschiedlichen Menschen anders um mit der Situation. Ist das abhängig von der Herkunft? Wenn ja, dann müssen wir bei unseren Immigranten in der Schweiz in die Lehre.

Blick auf Frauen und Mütter in Wandbildern in Auckland

Frauen sind hier als oberflächliche Geschöpfe dargestellt. Alles ist Mode und Shopping, und alles nur für sich
Treu sorgende Familienfrauen oder raffinierte Prostituierte, alle können liebevolle Mütter sein. Wird das tatsächlich anerkannt?
Ein starkes Idealbild: Frauen sind jung, ansteckend glücklich und schön.

Muttertag in Neuseeland ist genauso plump, wie wir ihn aus der Schweiz kennen: Er feiert die Rolle der Frauen in den Familien. Als Mütter werden Frauen als Heldinnen gefeiert, über die anderen Frauen wird geschwiegen. Die „Mutter“ wird dadurch zur Funktion. Sie ist kein wirklicher Mensch mit Talenten, eigenen Vorlieben und Träumen.

Wer will einen Job, der bloss aus Oberflächlichem besteht? 24 Stunden im Dienst ohne Lohn? Wer vor allem gefallen muss, etwa „schön“ und „süss“ sein, verliert sowieso. Wir alle werden älter und das schneller als wir denken.

Laut diesem Schaufensterplakat zum Muttertag 2020 sollen Mütter wie folgt sein: Erstaunlich, liebenswürdig, schön, glücklich/zufrieden, süss und fürsorglich. Aber „Dad“ darf auch nicht fehlen… so zumindest wurde von Hand darunter dazu geschrieben. Ist nicht er neben den Kindern das Zentrum des „Mutter“-Lebens? Nur verlangt man vom Mann nicht diese lächerliche Liste an Eigenschaften wie von der Frau.

Die Welt hat sich entwickelt. Die Hausphase von Frauen kann maximale 20 Jahre gerechtfertigt werden. Ein Frauenleben aber dauert im Schnitt 84 Jahre. Frauen treten nach einer gewissen Familien-Zeit oft schlecht bezahlte, untergeordnete Teilzeitstellen an. Genau in die Zeit, in der die Entwicklung des Berufslebens stattfindet, fällt die Familienzeit, d.h. ins Alter zwischen 30-50 Jahren. Muss sich mann/frau tatsächlich entscheiden zwischen Kindern daheim, Beruf und persönlicher Entwicklung? In verbindlichen, zuverlässigen Partnerschaften können verschiedene Rollen gelebt werden. Das gibt eine beglückende und herausfordernde Freiheit für Frauen und Männer. Sie beinhaltet gleichzeitig Kinder aufzuziehen, ein Einkommen zu generieren, selbst weiter zu lernen und persönlichen Ausgleich zu finden. Wer macht was? Es gibt hunderte von Varianten. Aber leicht war diese Kreativität noch nie. Psychologen warnen: Väter, die daheim haushalten, würden fast sicher untreu, Frauen als Heimchen am Herd würden versimpeln und ihr Selbstbewusstsein einbüssen… Solche und ähnliche „Forschungsergebnisse“ scheinen mir willkürlich. Psychologie ist vergleichsweise eine junge Wissenschaft. Vieles, was heute als wahr gilt, wird morgen der unbegreifliche Irrtum von gestern sein. Feststellen kann man wohl bloss: Es ist verlockend, anerkannte, alte Bilder zu pflegen.

Umso dringender ist es, den bequemen Zopf „Muttertag“ abzuschneiden. Zu oft fixiert er in erstickender Weise alte Denkmuster, statt die Güte und das „Caring“, das heisst die „Mütterlichkeit“ im archetypischen Sinn, in die Gesellschaft zu integrieren. Mit dem Muttertag ist es wie mit Schneewittchen oder dem Osterhasen. Niemand glaubt an diese Gestalten. Trotzdem hört jede Generation wieder gerne ihre Geschichte. Während man aber über Märchen staunt und den Osterhasen belächelt, wird von Frauen immer noch ein reales Leben in einer fiktiven „Osterhasen-Schneewittchen“-Rolle verlangt. Das dürfte – recht überlegt – nicht einmal mehr toleriert werden.

Dieses Bild einer Maori Frau an einer Hausmauer in Auckland gefällt mir sehr gut. Wenigstens bildet es weder die „süsse“ Heilige ab, noch die versexualisierte „Schöne“. Dafür denkt man bei ihr eher an selbstbewusst, verantwortlich und stark.

54. Unsere Rückreise wird zur „never ending“ story

Wir starren auf den Computerscreen: Schon wieder! Schon wieder ist uns ein Rückflugticket gecancelt worden. Aber weit schlimmer ist die Nachricht, dass unser Reisebüro dicht macht. Unser „Anker“, die zuverlässige Unterstützung, fällt damit weg.

Herbststürme fegen über Auckland und bringen den lang ersehnten Regen. Für uns in unseren Hochsommerkleidern wird es kalt. Noch können wir keine wärmeren Kleider kaufen, alle entsprechenden Läden sind geschlossen.

Wie kommen wir nun zurück? Es scheint ein gewinnbringender Geschäftszweig für Fluggesellschaften zu werden, Flüge zu verkaufen, das Geld dafür einzukassieren und den Flug kurz darauf wieder zu canceln. Die Fluggesellschaften behalten das Geld und lassen die Kunden auf Gutscheinen mit begrenzter Gültigkeitsdauer sitzen. Im Internet gibt es Flugangebote zu jedem Termin und zu jeder Destination – es ist kein Problem, einen entsprechenden Flug zu finden. Aber unserer bisherigen Erfahrung nach wird der gebuchte Flug sehr schnell wieder gecancelt. Ein Grossteil der Angebote sind also Fake-Angebote. Nur welche sind Fake? Und welche sind real? Gilt das nicht rundheraus als Betrug?

„Triumph & Disaster“ könnten Reiseagenturbeschriftungen neu heissen. Inhaltlich: Ah! Ein Ticket gekauft! (Triumph) Kurz darauf: Oups, schon wieder gecancelt. (Disaster)

Dass Geldrückerstattungen schwierig sein könnten, ist uns klar. Aber auch für Gutscheine „prügelt“ man sich stundenlang mit störrisch-hilflosen Angestellten herum. Die in den Gesprächen gegebenen Versprechen haben keine Folgen. D.h. später müssen wir erneut in langen Warteschlaufen hängen, bis endlich jemand den Anruf beantwortet. Und dann, aber nur vielleicht, erhält man einen „Gutschein“. Bis heute hat uns noch keine Gutsprache erreicht, obwohl uns das mündlich zugesagt worden ist. Wir sind keine Ausnahme. Wir spüren, es ist Zeit für uns, zurück in eine gewisse Normalität zu kommen. Wir haben wieder einmal den gecancelten Flug „ersetzt“. Dafür gab es keine Zusatzgebühren. Mal sehen, wie lange er diesmal „hält“.

Die Corona Check-Points in Auckland bleiben geöffnet und leer. Inzwischen hat es 0 Neuinfektionen pro Tag. Trotzdem bleibt die Regierungspräsidentin vorsichtig. Immer mehr fragen: Zu vorsichtig? Oder gar stur?
Viele Blumen blühen auch noch im Herbst