
Stundenlange Wartereien bis wir in die Einkaufladen können, nie hat es Mehl in den Regalen, gestresstes Verkaufspersonal, deprimierte Obdachlose, eine Staats-Präsidentin, die immer das Gleiche, dafür mehrmals am Tag kommuniziert… und noch dauert es mindestens 10 Tage, bis diese schärfste Stufe des Lock down in Neuseeland gemildert wird. Edlef und ich haben inzwischen so ziemlich alle Einkaufszentren ausprobiert, die in Gehnähe sind. Am nächsten liegt ein eher schmuddeliges Zentrum mitten in der Stadt. Dort braucht es oft nur 15 Minuten Anstehzeit. Gerade genug, um einen der Obdachlosen, die davor sitzen und betteln zu fragen, was wir für ihn einkaufen sollen. Heute fragte der Obdachlose hoffnungsvoll: „Kann ich Bier haben? …Wein?“ „Nein“, antworteten wir, „keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Bargeld.“ Auch wenn er nicht seine Lieblingsprodukte erhalten konnte, er musste nicht lange überlegen, was er sich wünschte. Er habe Hunger, er wolle ein gegrilltes Brathähnchen, Butter und Weizenbrot. O.k. sagten wir. Da immer nur eine Person aus einer „Bubble“ in den Laden darf, trennten sich Edlef und ich frühzeitig, bevor uns der Eingangswächter sehen konnte und jedes ging seinem Teil der Einkaufsliste nach. Ich gebe zu, dass dies nicht gerade regelkonform ist, aber es macht uns beiden Spass, einkaufen zu gehen und nie erleben wir das Gleiche.


In der Regel bin ich schneller wieder draussen aus dem Laden als Edlef. So habe ich die Esswaren für den Obdachlosen gekauft und habe ihm draussen die Papiertüte mit dem Gewünschten in die Hand gedrückt. 2 seiner Kollegen haben ihn sofort umringt und während sie gemeinsam den Inhalt durchaus kritisch begutachteten, bin ich weiter gelaufen. Ich habe gelernt, dass man auch Obdachlosen nicht irgendetwas geben soll, sondern das, was sie gerne mögen. Dabei gibt es ein paar Stolpersteine. Aber im Grunde genommen reichen 3 Faustregeln:
1. Nicht soviel geben, dass sie damit handeln können,
2. Respektieren, dass sie ihre Vorlieben haben
3. Ihnen keine Suchtmittel kaufen. Das ist in der Regel gleichbedeutend damit, ihnen kein Bargeld zu geben.
In meinen ersten Missionsjahren in Chile hat mich die Situation der vielen Menschen, die auf der Strasse lebten, fast gelähmt. Dann kam Martin Blum, der damalige Vertrauensmitarbeiter der Mission, bei uns zu Besuch. Ich habe ihm meine Zweifel geklagt. Er hat mich gut verstanden, sagte aber: „Professionell für Gerechtigkeit arbeiten wir tagsüber, budgettreu und wie es das Projekt verlangt. Aber im privaten Leben lasse ich auch mal mein Herz sprechen und lasse Regeln beiseite.“
Diese pragmatische Haltung habe ich mir angeeignet und sie hat mir in der Folge geholfen, einen für mich erträglichen Umgang mit Obdachlosen zu finden. Auch heute war die Situation nicht einfach. Edlef und ich hätten allen 5 Obdachlosen, die vor dem Laden herumlungerten, etwas geben müssen. Das aber hätte uns überfordert. Eine völlig ausgemergelte Frau lehnte sturzbetrunken an der Wand, ein anderer starrte auf sein Bierchen… So war es diesmal sicher die beste Lösung, dem Obdachlosen vor dem Eingang etwas zu bringen, der offensichtlich Hunger hatte. Ungerecht ist es trotzdem. Aber professionell können Edlef und ich hier nichts bewegen. Von Herzen etwas Winziges tun, ist trotzdem möglich.

