
Die Philippinen sind der 7. grösste Produzent von Rohrzucker weltweit. Schon im 16.Jahrhundert haben die Spanier in den Visayas Zucker angepflanzt. Besonders auf Panay und der Insel Negros hat Zuckerrohr eine lange Geschichte und gehört auch heute zu den wichtigsten Exportgütern. Die Schattenseiten sind längst bekannt: Zuckerrohrpflanzungen verbrauchen viel Land und Wasser. Es werden Pestizide ausgebracht, die für Mensch und Tier schädlich sind. Die kapitalintensiven Maschinen und Mühlen, die zur Verarbeitung von Zuckerrohr nötig sind, erschweren oder verunmöglichen lokale, kleinbäuerliche Initiativen mit Zuckerrohr. Trotzdem konnte sich u.a. auf Negros die Organisation „Alter Trade“ (ATC) etablieren. Solche Selbsthilfekommunen entstehen in der Regel in Zusammenarbeit von Betroffenen mit Kirchen, Hilfswerken und Missionen, aber auch mit den Behörden vor Ort.
Exkurs: Es existiert ein (gefühlt) ewiger Streit um die Fragen: darf man mit dem „schmutzigen“ Geld der Grossplantagen Schulen bauen? Darf man damit Sozialprojekte unterstützen? …mit diesen Wirtschaftsmächten Verhandlungsgespräche führen? Solche Streitereien machen mich angesichts der Not so vieler ungeduldig. Es braucht für die Betroffenen sofort gute Wege heraus aus Not und Bedrückung. Und ja, natürlich braucht es für die Nachhaltigkeit dieser Wege gerechte Strukturen. Ideologen fordern zugunsten gerechter Strukturen den konsequenten Kampf gegen diese Industrie. Sie verbieten aber Gespräche und verurteilen pragmatische Lösungen. Es dürften keine Lösungen gefunden werden und man müsse in Kauf nehmen, dass die Lebensperspektiven von vielen Tausenden geopfert würden, damit die richtige Partei mit Hilfe ihrer korrekten Sichtweise die wahre Gerechtigkeit durchsetzen könnten. Ich begreife diese Art von „Konsequenz“ nicht. Christus hat sich selbst geopfert und nicht die anderen. Die „anderen“, die bei diesen Kämpfen aus Ideologie geopfert werden und ohne Zukunft bleiben, sind immer die Schwächeren. Diese Schwächeren verdienen aber ein würdiges Leben. Jetzt. Wenn Grossplantagen Hand zu Verbesserungen bieten, kann es berechnend sein und trotzdem einen wichtigen Schritt in die gute Richtung bedeuten. Letztlich sind die Zuckerrohrarbeiterinnen und -arbeiter nicht gegen diese Industrie, sondern gegen lebensfeindliche Bedingungen.
Eindrücke vom Rohrzuckeranbau auf Negros

Das Bild ist im Eingangsbereiches des Museums in Bacolod aufgehängt. Es stellt einen Arbeiter bei der Rohrzuckerernte dar. Wer das Bild grösser zoomt, bemerkt, dass das Bild aus unzähligen Menschlein besteht. Die Botschaft des Künstlers ist klar: Unzählige müssen in Zuständen arbeiten, wie der portraitierte Mann. Humanitäre Organisationen nennen die Arbeitssituation auf Zuckerplantagen sklavenähnlich: Harte Arbeit, aber die Menschen verdienen damit nicht genug für Kleidung, Essen, Wohnen und Gesundheit.


Die sozialen Unterschiede auf Negros sind stossend. Neben den sauber gekämmten und gekleideten Schülerinnen und Schülern der Privatschulen, auf die oft ein Tricyclofahrer oder ein Chauffeur vor den Toren der Schule wartet, strolchen Kindergruppen herum mit zotteligem Haar und bettelnd. Seit immer schon habe es Unterschiede in der Gesellschaft von Negros gegeben, so seien Tätowierungen üblich gewesen bei der Urbevölkerung, um die Stellung des Trägers anzuzeigen: Chef, tapferer Kämpfer etc. Nicht nur Tatoos von früher, auch die modernen Unterschiede von heute brennen sich in den Lebensläufen und Schicksalen der Menschen tief ein. Während die Abkömmlinge der alten Zuckerbarone grossen Einfluss und viel Ansehen geniessen, wird ArbeiterInnen de facto oft weniger als das vorgeschriebene Minimum auf den Plantagen und in den Fabriken zugestanden. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind hart. Ab 6 Uhr früh wird bei der Ernte auf den Feldern gearbeitet bis spät. Zuckerrohr muss innerhalb von 24 Stunden ab Schnitt bearbeitet werden, soll es nicht viel von seinem Zuckergehalt einbüssen. Für das Ernten vermummen sich die Arbeitenden trotz Hitze mit T-Shirts und Tüchern, die sie vor den rasiermesserscharfen Blättern schützen sollen. Ihre Pausen sind den Philippinos „heilig“, wie viele Touristen abfällig bemerken. Aber es ist bei den hart arbeitenden Tagelöhnern nicht Bequemlichkeit, sondern Überlebensstrategie, welche Pausen zu wichtigen Zeiten macht. So hart die Situation für viele ist, es ist immerhin ein Einkommen und besser als nichts. Wo immer aber Kooperativen und nachhaltiger Zuckeranbau mit fairen Löhnen gefördert wird, lohnt es sich, diese aktiv zu unterstützen. Das scheint auch die Überzeugung mancher Einheimischer zu sein. In Bacolod haben wir in vielen Cafés und Restaurants Mascobado Zucker (Fairtrade) gefunden.

Das freundliche und sanfte Auftreten der Einheimischen macht jedes Zusammenkommen mit ihnen zur Freude. Als Tourist übersieht man dabei leicht, dass sie ihren ganz eigenen Stolz haben. Kritik darf nicht plump und respektlos angebracht werden. Widerspruch oder sogar klar nein zu sagen, ist in der hiesigen Kultur schwer. Darum bedeutet offene Kritik in der Regel der Abbruch von Gesprächen. Es kann ja nicht widersprochen werden. Wir belauschen unfreiwillig immer wieder Touristen, die alles weniger schön finden als daheim und vieles entsprechend kritisieren. Befremdet hat mich die Klage einer Deutschen, die sich darüber ärgerte, dass sie auf dem Flughafen in Hongkong geschlagene 7 Stunden habe warten müssen. Wegen des Ausbruchs des Taals verzögerte sich ihre Anreise in Manila. Sie habe nur 3 Wochen Ferien, das sei eine verd… Schweinerei. Sie verlor keinen Gedanken an die Bedrohung so vieler Menschen, den Hungertod von Tieren. Die immer höfliche, sonst aber gesprächige Rezeptionistin lächelte die verärgerte Frau freundlich an und sagte nur: „Yes, yes“. Ende des Gesprächs.