
Die Philippinen sind traumhaft schön mit ihren Stränden, dem warmen Wetter, der unglaublich üppigen Grün. Wir wollten verschiedene Landschaften kennenlernen und reisen ihnen nun nach. Unterwegs haben wir weit mehr gesehen als nur Landschaften, immer wieder bekommen wir kurze Einblicke in die Leben der Menschen hier.

An der White Beach bei Moalboal wälzte sich eine Frau in den Wellen. Mal schwappte das Wasser über sie, dann wieder lag sie im Trockenen und schnappte nach Luft. Ein halbwüchsiges Mädchen, offensichtlich ihre Tochter, sprang direkt neben ihr fröhlich in den Wellen herum und spielte. Als ich nach einer halben Stunde zurückkam, bot sich noch immer das gleiche Bild. Die Frau rollte sich ins Wasser, dann wieder weg. Ich ging zur Frau, drehte sie vorsichtig aus dem Wasser heraus und fragte sie: „Was ist mit Ihnen los? Ist Ihnen schlecht?“ Mit ihren geröteten Augen zwinkerte sie mich an und dann grinste sie. „Sind Sie betrunken?“ fragte ich. „Ja, ja“, murmelte die Frau,“und ich weine,“ dann rollte sie sich wieder in die Wellen. Die Frau war nicht allein da, sondern zusammen mit einer Gruppe von Freundinnen. Jetzt erst, als ich mich um die Frau kümmerte, rannte ihre Tochter zu ihnen und schrie um Hilfe für ihre Mutter. Die Freundinnen kamen und hoben die Frau aus den Wellen. Ich blieb verwirrt zurück. Diese Szene war für mich unverständlich. Ein Tourist lachte mich von seiner Badematte her aus. Das seien doch Prostituierte, die hätten ihre eigenen Regeln.
Prostitution ist in den Philippinen offiziell verboten. Aber seinen Körper anzubieten, ist vergleichsweise wenig geächtet. Armut mag einer der Gründe für Prostitution sein, sicher aber auch die riesigen US Militärbasen der 80-er und 90-er Jahre auf den Philippinen, welche aus der Prostitution eine richtige Industrie werden liessen. Und doch erklärt dies die weite Verbreitung speziell in den Philippinen nicht.


Ein weiteres Phänomen in den Philippinen sind die „vier M-Männer“. Ein Philippino erklärte uns den Ausdruck so: Auf Tagalog beginnen die 4 Worte „alt“, „reich“, „sterben“, „schnell“ alle mit M. Alte Europäer kommen in die Philippinen, heiraten eine viel jüngere Frau und lassen sich von ihnen bis zum Tod pflegen. Diese Männer sind 1. alt 2. reich in den Augen der Philippinos und sie 3. sterben 4. schnell = 4M. Die junge Frau bleibt mit der neuen Nationalität und dem Geld zurück. Es gibt viele solcher Paare. Edlef und ich sehen täglich Vertreter dieser vier M-Männer mit ihren jungen Philippinofrauen und staunen darüber, dass sie mit Stolz eigentliche Klubs untereinander gebildet haben. Manche dieser Männer sprechen weder Filipino, noch kennen sie mehr als ein paar Worte Englisch und doch wirken Frauen und Männer zufrieden mit der Situation. Ein rechter Prozentsatz dieser Alten wäre in der Schweiz oder in Europa arm. Hier, in den Philippinen werden sie als „Vier Ms“ respektiert. Die grosse Verachtung, mit der viele Menschen im höheren Alter in unserer Gesellschaft zurechtkommen müssen, beschimpft als „Schmarotzer“, stigmatisiert als „nutzlose Kostenstellen“ und als „Sozialfälle“, macht die Entscheidung dieser Vier M-Männer, in die Philippinen auszuwandern, mehr als verständlich.
Ich befürworte diese Situationen nicht, genauso wenig wie Prostitution. Aber verurteilen mag ich diese Menschen nicht. Was ich verurteile, ist unsere Haltung in der Schweiz betagten Menschen gegenüber. Soziologen sprechen von der „grössten humanitären Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg in Europa“. Ich tendiere dazu, ihnen recht zu geben.
