35. Dinagyang-Viva el Señor Santo Niño

Dinagyang, Reklame und Kultur

In Iloilo wird am 4.Wochenende im Januar seit etwas mehr als 50 Jahren eine Nachbildung des Ati-Atihan von Kalibo, gefeiert. Das Fest hat sich inzwischen zu einer eigenständigen Attraktion vor allem für Einheimische entwickelt. Die Feier bezieht sich auf die Figur des Jesuskindleins, das die Negrenses und Cebuanos vor Angriffen der Moros, islamischer Piraten, geschützt habe. Diese Statue von Jesus bildet ihn als herrschaftliches Kind ab und wird heute als eigenständige Heiligengestalt verehrt. Historisch sei es die älteste religiöse Statue der Philippinen. Sie wurde von Ferdinand Maguellan 1521 dem Chef der Cebuanos, Rajah Humabon, verehrt, als sich dieser mit all seinen Leuten zum Christentum bekehrte. Im Dinagyang, dem Fest zu Ehren dieser Statue, heisst der Festruf „viva el Señor Santo Niño!“

Links oben im Bild sieht man den „Señor Santo Niño“, wie er die Einheimischen bei Schlachten gegen muslimische Piraten und die Verschleppung in die Sklaverei beschützt habe.
El Señor Santo Niño als Riesenabbildung auf einem Festplatz in Iloilo

9 Stämme tanzen und trommeln am Dinagyang. Rund 100 000 Besuchende strömen ins Stadtzentrum, um ihre Tänze anzuschauen, sich mit den Verkleideten abzulichten und an den vielen Ständen am Food Festival Leckerbissen zu geniessen. Die Darsteller tragen einen eigentlichen Wettbewerb aus mit kunstvollen Choreographien mit hunderten von Tänzern und Tänzerinnen. Begleitet werden die Darstellungen vor allem durch verschiedenste Trommeln. Viele davon sind aus Plastikfässern hergestellt. Wenn man fragt, womit die Feier vergleichbar sei, weisen Kenner auf Karnevale hin, nur dass es nicht „Hellau“ heisse, sondern „Viva el Señor Santo Niño!“ (es lebe der Herr heiliges Kind!). Wir wollten gerne das Ganze miterleben, waren aber zu spät, um eines der teuren Tickets für einen Platz auf den Bühnen bei den Festplätzen zu ergattern. Nur auf den streng abgesperrten Plätzen mit Bühnen führten die Stämme ihre kunstvollen Choreographien gesamthaft auf. Wir sahen zwar während des lockeren Einstimmungs-Umzuges am Samstag immer wieder Stücke aus den Tänzen, aber beim Hauptanlass am Sonntag sahen wir nur wippende Federn und hörten die Rufe und Trommeln von ferne, wie die meisten der Besuchenden. Dafür versuchte uns ein Typ mitten im Treiben Drogen anzudrehen. Als wir nicht wollten, insistierte er, wir sollten wenigstens aus seinem Schnapsbecher trinken, einen „free shot“ würden wir wohl annehmen wollen. Wir vermuteten, dass damit etwas „schräg“ war, etwa dem angebotenen Alkohol KO Tropfen beigefügt waren und haben freundlich abgelehnt. Seine Kollegen spähten zu verstohlen hinter der Ecke hervor, als dass wir nicht misstrauisch geworden wären. Passiert ist uns nichts. Wir konnten das Treiben auf den Strassen, die unbeschwerte Stimmung und die bunten Maskierten beim Posieren mit selfie schiessenden Asiaten gut beobachten und selbst als fröhlicher Teil in der Masse mitschwimmen. Alle freuten sich über das Fest.

Prächtige Federgewänder prägten das Fest
Sponsoring war überall sichtbar.  Auch Banken, Versicherungen, Hotels etc. „marschierten“ mit

Als offizielle Umzugsteilnehmende marschierten Angestellte von Banken, Versicherungen, Hotelketten und anderen Geschäften in koordinierten Gruppen beim Umzug mit. Es gibt viel  Reklame, aber keine politischen Äusserungen, Witze oder Slogans. Das Dinagyang Fest ist rein ökonomisch-kulturell ausgerichtet.

Auch die Besucher kaufen sich Federschmuck

Eine Schülergruppe als Teil des Umzuges.

34. Zuckerrohranbau

Symbolische Darstellung des spanischen Empire aus dem 16. Jahrhundert mit den Philippinen an den äussersten Grenzen

Die Philippinen sind der 7. grösste Produzent von Rohrzucker weltweit. Schon im 16.Jahrhundert haben die Spanier in den Visayas Zucker angepflanzt. Besonders auf Panay und der Insel Negros hat Zuckerrohr eine lange Geschichte und gehört auch heute zu den wichtigsten Exportgütern. Die Schattenseiten sind längst bekannt: Zuckerrohrpflanzungen verbrauchen viel Land und Wasser. Es werden Pestizide ausgebracht, die für Mensch und Tier schädlich sind. Die kapitalintensiven Maschinen und Mühlen, die zur Verarbeitung von Zuckerrohr nötig sind, erschweren oder verunmöglichen lokale, kleinbäuerliche Initiativen mit Zuckerrohr. Trotzdem konnte sich u.a. auf Negros die Organisation „Alter Trade“ (ATC) etablieren. Solche Selbsthilfekommunen entstehen in der Regel in Zusammenarbeit von Betroffenen mit Kirchen, Hilfswerken und Missionen, aber auch mit den Behörden vor Ort.

Exkurs: Es existiert ein (gefühlt) ewiger Streit um die Fragen: darf man mit dem „schmutzigen“ Geld der Grossplantagen Schulen bauen? Darf man damit Sozialprojekte unterstützen? …mit diesen Wirtschaftsmächten Verhandlungsgespräche führen? Solche Streitereien machen mich angesichts der Not so vieler ungeduldig. Es braucht für die Betroffenen sofort gute Wege heraus aus Not und Bedrückung. Und ja, natürlich braucht es für die Nachhaltigkeit dieser Wege gerechte Strukturen. Ideologen fordern zugunsten gerechter Strukturen den konsequenten Kampf gegen diese Industrie. Sie verbieten aber Gespräche und verurteilen pragmatische Lösungen. Es dürften keine Lösungen gefunden werden und man müsse in Kauf nehmen, dass die Lebensperspektiven von vielen Tausenden geopfert würden, damit die richtige Partei mit Hilfe ihrer korrekten Sichtweise die wahre Gerechtigkeit durchsetzen könnten. Ich begreife diese Art von „Konsequenz“ nicht. Christus hat sich selbst geopfert und nicht die anderen. Die „anderen“, die bei diesen Kämpfen aus Ideologie geopfert werden und ohne Zukunft bleiben, sind immer die Schwächeren. Diese Schwächeren verdienen aber ein würdiges Leben. Jetzt. Wenn Grossplantagen Hand zu Verbesserungen bieten, kann es berechnend sein und trotzdem einen wichtigen Schritt in die gute Richtung bedeuten. Letztlich sind die Zuckerrohrarbeiterinnen und -arbeiter nicht gegen diese Industrie, sondern gegen lebensfeindliche Bedingungen.

Eindrücke vom Rohrzuckeranbau auf Negros

Nah herangezoomt besteht der Arbeiter aus vielen einzelnen Personen

Das Bild ist im Eingangsbereiches des Museums in Bacolod aufgehängt. Es stellt einen Arbeiter bei der Rohrzuckerernte dar. Wer das Bild grösser zoomt, bemerkt, dass das Bild aus unzähligen Menschlein besteht. Die Botschaft des Künstlers ist klar: Unzählige müssen in Zuständen arbeiten, wie der portraitierte Mann. Humanitäre Organisationen nennen die Arbeitssituation auf Zuckerplantagen sklavenähnlich: Harte Arbeit, aber die Menschen verdienen damit nicht genug für Kleidung, Essen, Wohnen und Gesundheit.

Kirche in Silay, am Ort der Zuckerbarone
Villa des Sohnes eines Zuckerbarons in Silay. Heute ist darin ein Museum.

Die sozialen Unterschiede auf Negros sind stossend. Neben den sauber gekämmten und gekleideten Schülerinnen und Schülern der Privatschulen, auf die oft ein Tricyclofahrer oder ein Chauffeur vor den Toren der Schule wartet, strolchen Kindergruppen herum mit zotteligem Haar und bettelnd. Seit immer schon habe es Unterschiede in der Gesellschaft von Negros gegeben, so seien Tätowierungen üblich gewesen bei der Urbevölkerung, um die Stellung des Trägers anzuzeigen: Chef, tapferer Kämpfer etc. Nicht nur Tatoos von früher, auch die modernen Unterschiede von heute brennen sich in den Lebensläufen und Schicksalen der Menschen tief ein. Während die Abkömmlinge der alten Zuckerbarone grossen Einfluss und viel Ansehen geniessen, wird ArbeiterInnen de facto oft weniger als das vorgeschriebene Minimum auf den Plantagen und in den Fabriken zugestanden. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind hart. Ab 6 Uhr früh wird bei der Ernte auf den Feldern gearbeitet bis spät. Zuckerrohr muss innerhalb von 24 Stunden ab Schnitt bearbeitet werden, soll es nicht viel von seinem Zuckergehalt einbüssen. Für das Ernten vermummen sich die Arbeitenden trotz Hitze mit T-Shirts und Tüchern, die sie vor den rasiermesserscharfen Blättern schützen sollen. Ihre Pausen sind den Philippinos „heilig“, wie viele Touristen abfällig bemerken. Aber es ist bei den hart arbeitenden Tagelöhnern nicht Bequemlichkeit, sondern Überlebensstrategie, welche Pausen zu wichtigen Zeiten macht. So hart die Situation für viele ist, es ist immerhin ein Einkommen und besser als nichts. Wo immer aber Kooperativen und nachhaltiger Zuckeranbau mit fairen Löhnen gefördert wird, lohnt es sich, diese aktiv zu unterstützen. Das scheint auch die Überzeugung mancher Einheimischer zu sein. In Bacolod haben wir in vielen Cafés und Restaurants Mascobado Zucker (Fairtrade) gefunden.

Das freundliche und sanfte Auftreten der Einheimischen macht jedes Zusammenkommen mit ihnen zur Freude. Als Tourist übersieht man dabei leicht, dass sie ihren ganz eigenen Stolz haben. Kritik darf nicht plump und respektlos angebracht werden. Widerspruch oder sogar klar nein zu sagen, ist in der hiesigen Kultur schwer. Darum bedeutet offene Kritik in der Regel der Abbruch von Gesprächen. Es kann ja nicht widersprochen werden. Wir belauschen unfreiwillig immer wieder Touristen, die alles weniger schön finden als daheim und vieles entsprechend kritisieren. Befremdet hat mich die Klage einer Deutschen, die sich darüber ärgerte, dass sie auf dem Flughafen in Hongkong geschlagene 7 Stunden habe warten müssen. Wegen des Ausbruchs des Taals verzögerte sich ihre Anreise in Manila. Sie habe nur 3 Wochen Ferien, das sei eine verd… Schweinerei. Sie verlor keinen Gedanken an die Bedrohung so vieler Menschen, den Hungertod von Tieren. Die immer höfliche, sonst aber gesprächige Rezeptionistin lächelte die verärgerte Frau freundlich an und sagte nur: „Yes, yes“. Ende des Gesprächs.

33. Bacolod, eine poetische Stadt

Wer über Bacolod in den Reisebüchern und Blogs nachliest, findet touristisch entmutigende Beschreibungen: Nüchtern, gerad gezogene Strassen, grösste Stadt auf der Insel Negros, keine anderen Sehenswürdigkeiten ausser das Nachbarstädtchen Silay…

Edlef und ich amüsieren uns, seit wir gestern angekommen sind, prächtig. Überall entdecken wir Witziges und Poetisches. So wohnen wir im Hotel „cakefully yours“

„Respectfully yours“…äh… “ cakefully yours

Der Teeladen mit Crêpes wird zu Crepetealogy und ist „the science of brewing happiness“ … oder lehnten sie sich eher an Theologie an? Wäre auch super.

An den Wänden finden wir überall Lebensweisheiten, welche die Menschen hier bejahen. Etwa „Happiness is not a destination it is a way of life“ oder „smile if you like me“. In den Philippinen haben sie pro Jahr rund 20 Taifune. Sie aber schreiben an ihre Wände:

Im Leben geht es nicht darum, darauf zu warten, dass ein Sturm vorbei gegangen ist, sondern darum zu lernen, im Regen zu tanzen

Wir haben im Museum von Bacolod Kunst gefunden, welche die Realitäten aufnimmt, aber auch ein Augenzwinkern beibehält.

Starke Frau mit Stumpen
Freiheitsstatue „na Prost denn…“

Die Kanalisation ist mitbedacht und so weit gediehen, wie möglich

Hoffnungsvolle Kanalisationsanfänge bei einem grossen Haus. Im Abfluss picken Hühner nach Würmern und Insekten
Mit Plastikabfall kann begrünt werden, viele der Häuschen benützen ehemalige Abwaschmittel- Öl- Trinkwasserbehälter als Blumentöpfe

Die Menschen lieben es offensichtlich, in Bacolod zu leben. „Alles ist hier billiger als in Manila und viel ruhiger!“ strahlte der Driver, der uns von Bacolod zum Sightseeing nach Silay gebracht hatte. Er lebe mit Frau und Kindern seit langem hier. In Bacolod sei alles besser und die Leute seien freundlich.

32. Der schlafende Riese wacht auf

Vulkan Taal in Batangas bricht aus, Bild 13.1.2020 (Photo aus Internet)

Nach 43 Jahren Ruhe hat der Vulkan Taal am 12.Januar ganz nahe bei Manila mit Eruptionen begonnen. Bereits sind 45’000 Menschen evakuiert worden. Man erwartet noch weit schlimmere Ausbrüche und die Flucht von insgesamt 200’000 Menschen. Experten warnen vor einem möglichen Tsunami. Alle hoffen, dass sich der „Riese“ wieder beruhigt. Inzwischen sind Schulen im betroffenen Gebiet geschlossen, der Flugverkehr in Manila ist stark eingeschränkt, Menschen packen ihren Besitz, um für den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein, wer kann, besorgt sich Mundschutzmasken, um sich vor dem Staub zu schützen. Wie in einem Film kommt hier: „Schnitt“ der Realitäten. Diese Bilder sehen wir im TV, als wären wir in der Schweiz. Für die Einheimischen ist der Vulkanausbruch zwar ein Thema, aber es scheint nur eines unter vielen zu sein, die sie auf ihrem rund 7000- Inseln-Staat bewegen. Wir selbst sind zutiefst betroffen von der grossen Unsicherheit für so viele Familien. Aber auch uns geht es so wie den Philippinos, uns bewegen noch völlig andere Themen in dieser einmalig schönen Umgebung.

Pflanzen und Tierwelt sind erstaunlich. Hier einer der stark gefährdeten Tarsier (Koboldmaki) auf Bohol. Sie müssen streng geschützt werden vor Einheimischen und Touristen.

Als Touristen in den Visayas sind wir ohne weitere Einschränkung unterwegs. Wir haben soeben 3 Tage auf der „Hexeninsel“ Siquijor verbracht und es machte uns grossen Spass, die kleine Insel auf gemieteten Töffli zu umrunden. Jeder Wald, jeder Strand schien uns noch schöner als der letzte. Da viele Einheimische regelrecht Angst vor der „Hexeninsel“ haben und sie darum meiden, ist sie ursprünglicher und unverbauter geblieben als andere. Am Sonntag, dem 12.1. sind wir per Schiff weiter gereist auf die Zuckerrohrinsel Negros nach Dumaguete. Dumaguete ist der beschauliche Hauptort von Negros Oriental, berühmt für die Silliman University und deren 25’000 Studierenden.

Edlef mit „unseren“ beiden Töffli auf Siquijor

Uns hat das Programm der Universität zugunsten der gefährdeten, einheimischen Tierarten interessiert, etwa für das Visaya Warzenschwein, die „Visayan spotted deers“ und den kleinen Katzenleoparden. Auch ihr viel beachtetes, anthropologisches Museum zur Geschichte der Philippinen und zu den animistischen Überzeugungen, die in Siquijor lebendig sind, wollten wir kennenlernen.

Besuch im „Tropical Center“ zum Schutz gefährdeter Tierarten: Wir wurden gleich ab Empfang von 6 Studierenden begleitet. Es war begeisternd, wie motiviert sich diese 18-Jährigen für die gefährdeten Tiere einsetzen wollen. Es war ihr erster Tag in ihrem Zoologie-, bzw. Biologiestudium und sie hatten bereits die Aufgabe gefasst, Besuchende der Tierschutzstation zu begleiten. Wir waren ihre ersten „Schüler“. Etwas schmunzeln mussten wir doch. Sie wussten noch weniger, um welche Tiere es sich in den Käfigen handelte und ihre Eigenart als wir. Aber ihre Lieblinge, die Mitglieder der beiden letzten existierenden Warzenschweinfamilien kannten sie mit Namen, den Eber José mit dem wilden Haarbusch auf dem Kopf und sein elegantes Weibchen, Josefina.

Jose und seine Josefina
Visayan spottet deer, Weibchen

Das kleine Institut hat offensichtlich grosse Probleme. Es beginnt damit, dass es wirklich schwierig zu finden ist. Nur Dank gutwilliger Nachbarn, die uns durch ein Gewirr von engen Schmuddelgassen geführt haben, konnten wir es überhaupt orten. (Googlemaps führt hier in die Irre). Die Programme brauchen dringend Geld und offensichtlich auch Kompetenz. Etwa die Hälfte der Käfige sind, gerade für die Affen, qualvoll klein. Die Frage, wie und wo ausgewildert werden kann, ist für keine Tierart gelöst. Wir haben uns damit getröstet, dass vielleicht die Studierenden noch nicht genug Infos hatten?

Der Weg zum Institut
Der anonyme Eingang

31. Die vier M-Männer: alt-reich-schnell-tot

Ufer des Lobok auf Bohol

Die Philippinen sind traumhaft schön mit ihren Stränden, dem warmen Wetter, der unglaublich üppigen Grün. Wir wollten verschiedene Landschaften kennenlernen und reisen ihnen nun nach. Unterwegs haben wir weit mehr gesehen als nur Landschaften, immer wieder bekommen wir kurze Einblicke in die Leben der Menschen hier.

Staatlicher Aufruf gegen Missbrauch: Zwangsarbeit, Zwangsheiraten, Organhandel, Prostitution und Verschacherung zu Escortservicediensten. Anwerbung von Kindersoldaten. Ein einziges Plakat dieser Präventionskampagne haben wir an der Universität in Dumaguete gefunden.

An der White Beach bei Moalboal wälzte sich eine Frau in den Wellen. Mal schwappte das Wasser über sie, dann wieder lag sie im Trockenen und schnappte nach Luft. Ein halbwüchsiges Mädchen, offensichtlich ihre Tochter, sprang direkt neben ihr fröhlich in den Wellen herum und spielte. Als ich nach einer halben Stunde zurückkam, bot sich noch immer das gleiche Bild. Die Frau rollte sich ins Wasser, dann wieder weg. Ich ging zur Frau, drehte sie vorsichtig aus dem Wasser heraus und fragte sie: „Was ist mit Ihnen los? Ist Ihnen schlecht?“ Mit ihren geröteten Augen zwinkerte sie mich an und dann grinste sie. „Sind Sie betrunken?“ fragte ich. „Ja, ja“, murmelte die Frau,“und ich weine,“ dann rollte sie sich wieder in die Wellen. Die Frau war nicht allein da, sondern zusammen mit einer Gruppe von Freundinnen. Jetzt erst, als ich mich um die Frau kümmerte, rannte ihre Tochter zu ihnen und schrie um Hilfe für ihre Mutter. Die Freundinnen kamen und hoben die Frau aus den Wellen. Ich blieb verwirrt zurück. Diese Szene war für mich unverständlich. Ein Tourist lachte mich von seiner Badematte her aus. Das seien doch Prostituierte, die hätten ihre eigenen Regeln.

Prostitution ist in den Philippinen offiziell verboten. Aber seinen Körper anzubieten, ist vergleichsweise wenig geächtet. Armut mag einer der Gründe für Prostitution sein, sicher aber auch die riesigen US Militärbasen der 80-er und 90-er Jahre auf den Philippinen, welche aus der Prostitution eine richtige Industrie werden liessen. Und doch erklärt dies die weite Verbreitung speziell in den Philippinen nicht.

Überall auf dem Land sind diese und vergleichbare Reklamen zu finden. Junge Frauen, die sich so vermitteln lassen, verschwinden zu oft. Im fremden Land können sie sich nicht wehren, sie kennen in der Regel weder ihre Rechte, noch die Sprache. Zu oft beinhaltet die Arbeit als Dienstmädchen auch Vergewaltigungen und Arbeitsmissbrauch (16-Stunden pro Tag mal 7 Tage pro Woche). Lohn erhalten sie oder eben auch nicht. Etwa „weil sie zu langsam arbeiten“. Mission 21 unterhält aktiv ein Anti Humantrafficking Netzwerk mit Auffanghäusern in Hongkong, aber auch in Indonesien, in enger Zusammenarbeit mit Taiwan und Südkorea und den Kirchen in diesen Empfangsländern, die sich für „gestrandete“, junge Frauen einsetzen.
8 junge Frauen, Hausangestellte, sind unter ungeklärten Umständen in Qatar tot aufgefunden worden. Offiziell darf niemand mehr für Qatar angeworben werden. Dieser Zettel wird trotzdem ungeniert und öffentlich verteilt.

Ein weiteres Phänomen in den Philippinen sind die „vier M-Männer“. Ein Philippino erklärte uns den Ausdruck so: Auf Tagalog beginnen die 4 Worte „alt“, „reich“, „sterben“, „schnell“ alle mit M. Alte Europäer kommen in die Philippinen, heiraten eine viel jüngere Frau und lassen sich von ihnen bis zum Tod pflegen. Diese Männer sind 1. alt 2. reich in den Augen der Philippinos und sie 3. sterben 4. schnell = 4M. Die junge Frau bleibt mit der neuen Nationalität und dem Geld zurück. Es gibt viele solcher Paare. Edlef und ich sehen täglich Vertreter dieser vier M-Männer mit ihren jungen Philippinofrauen und staunen darüber, dass sie mit Stolz eigentliche Klubs untereinander gebildet haben. Manche dieser Männer sprechen weder Filipino, noch kennen sie mehr als ein paar Worte Englisch und doch wirken Frauen und Männer zufrieden mit der Situation. Ein rechter Prozentsatz dieser Alten wäre in der Schweiz oder in Europa arm. Hier, in den Philippinen werden sie als „Vier Ms“ respektiert. Die grosse Verachtung, mit der viele Menschen im höheren Alter in unserer Gesellschaft zurechtkommen müssen, beschimpft als „Schmarotzer“, stigmatisiert als „nutzlose Kostenstellen“ und als „Sozialfälle“, macht die Entscheidung dieser Vier M-Männer, in die Philippinen auszuwandern, mehr als verständlich.

Ich befürworte diese Situationen nicht, genauso wenig wie Prostitution. Aber verurteilen mag ich diese Menschen nicht. Was ich verurteile, ist unsere Haltung in der Schweiz betagten Menschen gegenüber. Soziologen sprechen von der „grössten humanitären Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg in Europa“. Ich tendiere dazu, ihnen recht zu geben.

Let equality bloom: Irgendwann können alle Menschen in Würde wählen, wie sie sich durchbringen wollen – auch Frauen und betagte Menschen

30. Meet Bruce (riesiger Hai im Film Nemo)

Schon lange waren wir fasziniert von den unglaubliche Bildern der Walhaie in Oslob und in Donsol. Nah neben diesen riesengrossen, friedlichen Fischen schwimmen zu dürfen, das wollten wir gerne. Ich musste passen, frühmorgens friere ich schnell und dann beginnen wieder Husten und Fieber. Aber für Edlef wurde dieser Traum wahr.

Ich, Edlef, bin also um 6 Uhr in Oslob von einem persönlichen Guide an der Zimmertür abgeholt worden mit der Nachricht, dass er für mich in der Gruppe 25 einen Platz reserviert habe, dass nun schon Gruppe 16 dran sei und ich sogleich mitkommen solle. Auf dem Platz, von dem aus die Regierung das Walhai-Observieren organisiert, waren schon ein paar hundert Erlebnishungrige anwesend. Ein mässiger Andrang, wie mein Guide versicherte, da man ja noch gemütlich herumspazieren könne, wo es sich manchmal eher sardinenbüchsenmässig anfühle. Nach einer kurzen Instruktion über Verhaltensregeln, deren wichtigste ist, dass man die Tiere unter Strafandrohung von 6 Monaten Gefängnis unter keinen Umständen berühren dürfe, warteten wir noch ein paar Minuten und dann ging es los.

Die Touristen werden geweckt und abgeholt

Hinter drei deutschen Jungs setzte ich mich in eines der 10er Boote und wir wurden von kräftigen Einheimischen etwa 100m ins offene Meer hinaus gerudert. Dort hängten wir uns per Seil ans letzte von 10 Booten, die in zwei Reihen parallel zum Strand aneinandergeseilt waren und sich langsam vorwärts bewegten. Die vordersten Boote lösten sich aus der Reihe und kehrten nach dem ca 40 minütigen Abenteuer zurück ans Land.

Die, die für schwimmen bezahlt hatten (nur vom Boot aus zuschauen Fr 10, schwimmen Fr 20 und mit Luftflasche tauchen Fr 30) liessen sich ins Wasser gleiten, Westler wie ich ohne Schwimmwesten, Asiaten, sie waren eindeutig in der Mehrzahl, wie Chinesen, Koreaner, Japaner und Taiwanesen meist mit Weste, da bei ihnen schwimmen nicht zu den Grundfertigkeiten der Erziehung gehört.

Dann das Erlebnis: ein riesiges, 5m grosses Tier mit breitem offenem Mund, beruhigenderweise ohne sichtbare Zähne, nur einen Meter vor mir, schwimmt gemächlich direkt auf mich zu. Wow! Ich rück- und seitwärts davon geschwommen und mich erstmal orientiert. Zwischen den zwei Besucherbootreihen fahren noch winzige Einerboote mit je einem Mann drin herum. Hie und da wirft er etwas ins Meer vor die Münder der Walhaie, was die sofort zusammen mit viel Wasser in sich saugen. 5 Reihen von Kiemen, je einen Meter lang, lassen dann das gefilterte Wasser wieder ausströmen.

Etwa 20 Haie waren an diesem Morgen dort bei der Fütterung. Der hinterste war der eindrücklichste. Er war rieeesig, geschätzt 8 bis 12 Meter lang, dunkelbraun mit hellgrauen Punkten, 1,5m breitem Schlund und majestätischen kraftvollen Bewegungen. Er kümmerte sich überhaupt nicht um die Menschen um ihn herum, sondern versuchte einfach in der Nähe eines der kleinen Boote zu sein und hie und da etwas zu erwischen. So nahe einem busgrossen, in der Wildnis lebenden und doch ungefährlichen Lebewesen sein zu können, hat mich mit grossem Glück, Dankbarkeit und Respekt erfüllt. Ich reihe mich ein in die Schutzkräfte für diese seltenen Riesen. Als er eine Drehung machte, ist er mit seiner grossen Schwanzflosse sanft über meine Beine gestreift…

Ein Walhai. Trotz der riesigen Mundöffnung wird er Menschen nicht gefährlich