14. Die vielen Religionen…

Abschied von Goa und Zugreise nach Mumbai
Wir haben unseren Platz im Zug problemlos gekriegt und sind etwa eine halbe Stunde verspätet aus Madgaon abgefahren. Eine kleine Familie gesellte sich im letzten Moment noch zu uns ins Abteil. Es war ein Muslim mit seiner zum Islam konvertierten Frau. Fast sofort kamen wir ins Gespräch. Sie sei Ingenieurin, erzählte die noch jüngere Frau, aber sobald sie schwanger geworden sei, habe sie ihre Karriere aufgegeben. Das Paar hat ein herziges 6-jähriges Töchterlein. Aischa erzählte, sie habe daheim Hausangestellte, aber ihr Mann helfe zusätzlich noch bei allem mit. Ob ihr nicht etwas langweilig werde mit nur einem Kind und soviel Hilfe? wagte ich mich vor. „Nein“, rief Aischa, „im Gegenteil.“ Sie treffe sich mit ihren Freundinnen und Bekannten zum Tee Trinken, Shoppen und einfach so. Ihr Mann tue genau, was sie von ihm wünsche…

Aischa und Claudia

Irgendwie kamen mir ihre Beschreibungen vertraut vor. So habe ich schon andere Muslimas erzählen gehört mit genau den gleichen Idealen z.B. im Aargau oder auch in Deutschland. Sie bezeichneten ihre Lebensform als „Paradies“. Ob das wirklich so sei? fragte ich vorsichtig nach. Wünschen sich hochgebildete, muslimische Frauen in ihrem Leben wirklich nichts anderes als shoppen gehen und Tee trinken mit Freundinnen? Aischa überlegte kurz und gab mir sofort recht. Natürlich könne man das bezweifeln, aber es sei die tatsächliche und freie Wahl jeder Frau…, das sei doch toll. Wir haben noch über dies und jenes berichtet, immer wieder aber stolperten wir über die muslimischen Stereotypen: Frauen sind glücklich, wenn sie daheim beim Tee Trinken sitzen können mit Kindern. Aischa schien davon überzeugt: alle Frauen wollen genauso leben, Islam sei eine Religion der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens. Die Unterschiede der Rechte Mann und Frau, Nichtmuslime-Muslime müssten einfach richtig verstanden werden. Und zum IS und zu Boko Haram meinte das Ehepaar, da könne man nichts machen, Enthusiasten würden eben manchmal „übers Ziel hinausschiessen“. Wir haben das so respektiert und sind bald auf den Pritschen eingeschlafen.

The Gateway of India, erbaut 1924. Wir kamen so früh mit dem Zug an, dass wir nur schnell unser Gepäck in die Pension brachten und gleich hierher fuhren.
Wer religiöse Orte besuchen will, muss viele Vorschriften beachten, auch im Hinduismus

Am ersten Tag in Mumbai assen wir in einem Restaurant Z’Mittag, das gleich gegenüber unserer Unterkunft liegt. Beim Eintreten fiel uns auf, dass sich im unteren Stockwerk keine einzige Frau aufhielt, erst im oberen Stockwerk war neben mir noch eine weitere Frau zu Gast. Die Bedienung war gut gedrillt und korrekt. Es waren junge Männer, alle in uniforme weiss-graue Kittel gekleidet. Viele der Gäste hatten sich in einem ähnlichen Stil gekleidet. Es wirkte auf mich wie in einer Sekte: gleiche Kleidung, gleicher Haarschnitt, gleicher Gesichtsausdruck… Es war das Restaurant einer wohl strengen, muslimischen Ausrichtung. Abends gingen wir in ein hinduistisches Restaurant. Hier war es lärmig, quirlig, farbig. Ein wildes Durcheinander an Kulturen und Menschentypen trifft in diesem Quartier friedlich aufeinander. Diese beiden völlig anderen Gaststätten liegen beinahe nebeneinander. Der Unterschied in Stimmung und Klientel ist fast nicht auszuhalten. Aber eigentlich habe ich mir Mumbai genauso vorgestellt. Unglaubliche Gegensätze, die selbstverständlich nebeneinander existieren. Allerdings muss ich gestehen, dass mir Uniformität wie auch immer und entmündigende Paradiesvorstellungen bei Frauen wie z.B. von Aischa Angst machen.

Am Morgen, bevor die Strassenhändler ihre Ware in die Gestelle ordnen, putzen sie ihren Bereich sauber. Genau dort haben über Nacht dicht an dicht Obdachlose geschlafen.
Hier fischen einfache Menschen im Meer. Es ist eine eindrückliche Schmutzbrühe

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