10. Was heisst schon „Korruption“?

Claudia schreibt: Heute, am 14.11. ist wieder Reisetag. D.h. um 4.30 Uhr morgens aufstehen und um 5.30 Uhr im noch fast dunklen Hampi mit einem Tuk Tuk abfahren. Es war kühl, d.h. 26 Grad. Wie sehr wir uns schon an die Wärme gewöhnt haben, merkten wir daran, dass wir froh um eine Jacke waren.

Der Zug kam dann in Hospet, dem nächsten Bahnhof von Hampi, um 8.05 Uhr an statt um 6.20 Uhr, also mit fast 2 Stunden Verspätung. Das störte niemanden, immerhin war der Zug bereits eineinhalb Tage unterwegs und nur 2 Stunden warten zu müssen, gelten kaum als Verzögerung. Der Zug fuhr ein. Er war übervoll mit Einheimischen, aber es hatte kaum Touristen. Beim Einsteigen merkten wir schnell, dass im Abteil die Leute noch am Schlafen waren.

Der Abfallberg entsprach der Länge der Reise, wobei schon bald nach dem Anfahren gewischt wurde.

Vor dem Abfallwischen. Bis dahin wateten alle im eigenen Müll.

Uns traf es ins selbe Abteil zusammen mit einem jungen Inder. Wir kamen schon bald ins Gespräch. Er träume davon, ein Stipendium nach Berlin zu kriegen. Viele seiner Freunde hätten dort studiert und viel gelernt. Er ist wie wir nach Palolem unterwegs. Dort möchte er mit seiner Freundin aus Frankreich zusammenleben für heimliche 4 Wochen. Seine Eltern dürfen nichts davon wissen. Er sei seit 2 Jahren mit ihr zusammen. Sein Vater ist Berufspolitiker. Er und seine Mutter seien davon überzeugt, dass ihr jüngerer Sohn genau gleich wie ihr Ältester irgendwann eine reiche Inderin heiraten werde. Eine solche Ehe werde auch heute noch von den Eltern arrangiert. Sie würden nicht nur die Braut bestimmen, sondern auch das fällige Brautgeld verhandeln und einstecken und den Zeitpunkt der Eheschliessung festlegen. Uns wunderte, wie selbstverständlich er darüber sprach und wie einverstanden er damit schien. Er sei bei seiner Freundin in Frankreich gewesen. Sie habe einfache und sehr nette Eltern. Aber eben… Sein Vater sei bei den letzten Wahlen nicht mehr ins Parlament gewählt worden. Dabei habe er doch Tausende an die Armen verteilt, damit sie ihn wählen würden. Korruption sei ein riesiges Problem in Indien. „Genau…“, dachte wir und wussten nicht so recht, wie auf seine Aussage reagieren. Ist nicht das der Klassiker jeder Korruption, sich Stimmen zu kaufen? Er möge Politik nicht, führte unser Reisegefährte weiter aus. Es gehe dabei nur um Geld. Wer genug Stimmen kaufen könne, werde gewählt. Der Gewinn bei Wahlsieg sei riesig. Wenn man für die Wahl etwa 5 Mio einsetze, erwirtschafte man nachher dank der politischen Stellung das 10-fache, wenn nicht mehr… „Genau…“, dachten wir noch einmal nur noch entsetzter, „so definiert sich Korruption.“

Die Bahnfahrt selbst war eindrücklich. Sie führte uns an saftig grünen Reisfeldern vorbei, durch Urwälder. Wir sahen Bäche und Flüsse und tiefen Schluchten. Am eindrücklichsten waren die hohen Wasserfälle. Indien ist riesig und fruchtbar. Was für ein gesegnetes Land.

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