Schlechtes Karma
In Indien betteln uns viele an auf die eine oder andere Art. „Schön“ grauslich missbildete Kinder oder winzige Frischgeborene werden den entsetzten Passanten präsentiert und dafür Geld verlangt. Die Bettlerinnen funktionieren offensichtlich nach einem gut organisierten Tournus. Sie betteln eine gewisse Zeit, übergeben dann die Kinder ihrer Ablösung und machen Pause. Das Geld scheint zu fliessen. Pausen haben die Bettler wohl, aber ihre Opfer? Wie geht es ihnen? Ich verstehe Bischof George aus Kerala jetzt noch viel besser. Er und seine Leute gehen in die Dörfer, suchen gezielt nach Kindern mit Behinderungen und arbeiten – anders als es die Bettlerbanden tun – mit deren Familien, vor allem aber fördern er und seine Leute die Kleinen. Menschen mit Behinderungen werden in Indien oft ausgeschlossen, müssen schnell sterben oder vegetieren als leichte Beute von Bettlerbanden vor sich hin, eine sprudelnde Geldquelle, die ausgebeutet wird, bis die Kinder sterben. Rechte haben Menschen mit Behinderungen anscheinend gar keine. Schuldgefühle hat niemand. Das ist eben schlechtes Karma.

Vor dem einfachen Hotel, in dem wir untergekommen sind, werden um ca. 2 Uhr morgens alle Waren weggeschlossen. Die Strassenverkäufer, Männer, Frauen und Kinder legen sich nebeneinander auf den harten Pflasterboden, breiten ein schmales Tuch über sich und schlafen bis 6/7 Uhr. Dann stehen alle auf, es wird gewischt und die Waren werden für den Tag wieder hervorgeholt und erneut ausgebreitet. Wir können uns jeweils kaum durchdrängeln bis zum Aufgang des Hotels. Der Aufgang ist düster und schmutzig. Er wird gleichzeitig als Warenlager für T- Shirts gebraucht. Das Hotel liegt im 3.Stock (ohne Lift). Es hat glänzende Boden und gute Betten. Aber die Toilettenspülungen und die Duschen werden durch eine kurze Röhre direkt nach aussen an die Hausmauer geleitet und dort gluckert das Ganze als üble Brühe der Hausmauer entlang nach unten. Kanalisation????
Reisen und Geldangelegenheiten
Den Reisealltag in Indien fand ich hart. Pünktlichkeit? Zuverlässigkeit? Klare Preise? Das klappt letztlich schon – irgendwie. Aber bereits beim Kaufen von Zugkarten ist es immer wieder anders. Sie kosten für lange Strecken z.B. CHF 15.- in erster Klasse, im Liegewagen, falls wir als über 60-jährige Alte eingestuft werden. Oder wir bezahlen 80.- CHF für genau das Gleiche, wenn wir als Touristen eingestuft werden. Es ist überall in Indien üblich, von Touristen das Mehrfache zu verlangen.
Das Trinkgeld ist gut bemessene 10% des gesamten Betrages. Es ist trotzdem immer viel zu wenig. Damit ist ihre Monatsmiete noch nicht gedeckt und das Schulgeld für die Kinder noch nicht bezahlt… Die Dienstleister sehen uns treuherzig an : „I love you – do you love me?“ Das ist ihr schlagendes Argument, um von uns ein Mehrfaches einzufordern. Oder wollen wir etwa daran Schuld sein, dass die „geliebte“ Person Sorgen haben muss…? Diese Masche stösst mich ab. Und doch gibt es diese grauenhafte Armut im Alltag tatsächlich. Aber sie gehört genauso zum Alltag in Indien wie die streng abgetrennte Welt der unermesslich Reichen.
Mitgenommen aus den widersprüchlichen Realitäten in Indien habe ich die unglaublich warmherzige Art der Menschen. Dazu gehört ihr liebenswürdiges „Kopfwiegen“, wann immer Diplomatie gefragt ist. Ist es ja? Ist es nein? Wichtig ist vor allem die Harmonie und nicht so sehr die gleiche Meinung. Die Landschaften sind fantastisch, die Tempel und Traditionen beeindruckend und die überwältigende und trotz allem überraschend gewaltlose Vielfalt der Kulturen und Überzeugungen lässt Edlef und mich demütig zurück. Indien? Das ist eine Dimension für sich. Wie können wir etwas anderes tun, als zu staunen und vorerst einmal einfach nichts zu sagen?




Wir sind in Singapur!
Jetzt in Singapur erleben wir fast einen Kulturschock. Es hat funktionierende Strassenlichter nach denen sich der Verkehr tatsächlich richtet. Und es gibt intakte Strassen. Es wird nicht dauergehupt und dauergeschrien. Wer mit Rollstuhl unterwegs ist, hat entsprechende Trottoirs. Regeln werden selbstverständlich respektiert. Die Wasserläufe stinken nicht, die Strassen und sind sauber. Man watet nicht durch undefinierbaren Unrat. Allerdings tragen in Singapur die Frauen keine farbenprächtigen Gewänder mit Goldrändern und an den Armen klappern keine Schmuckreife (auch die ärmste Strassenputzerin in Indien hat diese). Es ist sauber, es ist geordnet, es ist langweilig…Aber bei allem Respekt vor der bunten Andersartigkeit, ICH LIIIEBE LANGWEILIG.



























