17. Von Mumbai nach Singapur: Szenenwechsel total

Schlechtes Karma

In Indien betteln uns viele an auf die eine oder andere Art. „Schön“ grauslich missbildete Kinder oder winzige Frischgeborene werden den entsetzten Passanten präsentiert und dafür Geld verlangt. Die Bettlerinnen funktionieren offensichtlich nach einem gut organisierten Tournus. Sie betteln eine gewisse Zeit, übergeben dann die Kinder ihrer Ablösung und machen Pause. Das Geld scheint zu fliessen. Pausen haben die Bettler wohl, aber ihre Opfer? Wie geht es ihnen? Ich verstehe Bischof George aus Kerala jetzt noch viel besser. Er und seine Leute gehen in die Dörfer, suchen gezielt nach Kindern mit Behinderungen und arbeiten – anders als es die Bettlerbanden tun – mit deren Familien, vor allem aber fördern er und seine Leute die Kleinen. Menschen mit Behinderungen werden in Indien oft ausgeschlossen, müssen schnell sterben oder vegetieren als leichte Beute von Bettlerbanden vor sich hin, eine sprudelnde Geldquelle, die ausgebeutet wird, bis die Kinder sterben. Rechte haben Menschen mit Behinderungen anscheinend gar keine. Schuldgefühle hat niemand. Das ist eben schlechtes Karma.

Elefanta bei Mumbai

Vor dem einfachen Hotel, in dem wir untergekommen sind, werden um ca. 2 Uhr morgens alle Waren weggeschlossen. Die Strassenverkäufer, Männer, Frauen und Kinder legen sich nebeneinander auf den harten Pflasterboden, breiten ein schmales Tuch über sich und schlafen bis 6/7 Uhr. Dann stehen alle auf, es wird gewischt und die Waren werden für den Tag wieder hervorgeholt und erneut ausgebreitet. Wir können uns jeweils kaum durchdrängeln bis zum Aufgang des Hotels. Der Aufgang ist düster und schmutzig. Er wird gleichzeitig als Warenlager für T- Shirts gebraucht. Das Hotel liegt im 3.Stock (ohne Lift). Es hat glänzende Boden und gute Betten. Aber die Toilettenspülungen und die Duschen werden durch eine kurze Röhre direkt nach aussen an die Hausmauer geleitet und dort gluckert das Ganze als üble Brühe der Hausmauer entlang nach unten. Kanalisation????

Reisen und Geldangelegenheiten

Den Reisealltag in Indien fand ich hart. Pünktlichkeit? Zuverlässigkeit? Klare Preise? Das klappt letztlich schon – irgendwie. Aber bereits beim Kaufen von Zugkarten ist es immer wieder anders. Sie kosten für lange Strecken z.B. CHF 15.- in erster Klasse, im Liegewagen, falls wir als über 60-jährige Alte eingestuft werden. Oder wir bezahlen 80.- CHF für genau das Gleiche, wenn wir als Touristen eingestuft werden. Es ist überall in Indien üblich, von Touristen das Mehrfache zu verlangen.

Das Trinkgeld ist gut bemessene 10% des gesamten Betrages. Es ist trotzdem immer viel zu wenig. Damit ist ihre Monatsmiete noch nicht gedeckt und das Schulgeld für die Kinder noch nicht bezahlt… Die Dienstleister sehen uns treuherzig an : „I love you – do you love me?“ Das ist ihr schlagendes Argument, um von uns ein Mehrfaches einzufordern. Oder wollen wir etwa daran Schuld sein, dass die „geliebte“ Person Sorgen haben muss…? Diese Masche stösst mich ab. Und doch gibt es diese grauenhafte Armut im Alltag tatsächlich. Aber sie gehört genauso zum Alltag in Indien wie die streng abgetrennte Welt der unermesslich Reichen.

Mitgenommen aus den widersprüchlichen Realitäten in Indien habe ich die unglaublich warmherzige Art der Menschen. Dazu gehört ihr liebenswürdiges „Kopfwiegen“, wann immer Diplomatie gefragt ist. Ist es ja? Ist es nein? Wichtig ist vor allem die Harmonie und nicht so sehr die gleiche Meinung. Die Landschaften sind fantastisch, die Tempel und Traditionen beeindruckend und die überwältigende und trotz allem überraschend gewaltlose Vielfalt der Kulturen und Überzeugungen lässt Edlef und mich demütig zurück. Indien? Das ist eine Dimension für sich. Wie können wir etwas anderes tun, als zu staunen und vorerst einmal einfach nichts zu sagen?

Die Grosswäscherei für die Hotels in Mumbai hat ausschliesslich für Männer Arbeit und besteht aus einem Riesenlabyrinth
Statt Klämmerli gedrehte Seile
In der Kloake um Mumbai wird gefischt.
Selbstgebasteltes Fischerbötli Armer

Wir sind in Singapur!

Jetzt in Singapur erleben wir fast einen Kulturschock. Es hat funktionierende Strassenlichter nach denen sich der Verkehr tatsächlich richtet. Und es gibt intakte Strassen. Es wird nicht dauergehupt und dauergeschrien. Wer mit Rollstuhl unterwegs ist, hat entsprechende Trottoirs. Regeln werden selbstverständlich respektiert. Die Wasserläufe stinken nicht, die Strassen und sind sauber. Man watet nicht durch undefinierbaren Unrat. Allerdings tragen in Singapur die Frauen keine farbenprächtigen Gewänder mit Goldrändern und an den Armen klappern keine Schmuckreife (auch die ärmste Strassenputzerin in Indien hat diese). Es ist sauber, es ist geordnet, es ist langweilig…Aber bei allem Respekt vor der bunten Andersartigkeit, ICH LIIIEBE LANGWEILIG.

16. Autsch…

Alles tut weh, die Augen, die Glieder und die Nase rinnt. Das ist die Folge dieser zahllosen Airconditions und der vielen Ventilatoren, die überall dröhnen, wispern und rattern. Es scheint, Hauptsache sie blasen kalt und sind zuverlässig laut. 

Ich denke: Es ist doch bloss 30 Grad!!! Warum muss man sich, statt gemütlich und faul im Schatten zu sitzen, von eisigen Luftströmen anblasen lassen? Wer will schon frieren? Die hohen Temperaturunterschiede zwischen aussen und innen haben bei mir regelmässig eine starke Erkältung zur Folge.

Edlef hat sich vorgenommen, in Mumbai ins Kino zu gehen. „Weisst Du, wir sollten das Bollywoodfeeling mitbekommen…! Wir sind doch in Mumbai, der Filmindustriezentrale von Indien,“ schwärmte er. „Bollywood?“ meinte ich grantig, „Hindi? da verstehen wir doch kein Wort!“ Aber ein bisschen Heimweh nach unserem einzigen Enkelchen, Alessia, habe ich schon und da lief doch „Frozen 2“ für Kinder. In Basel wäre ich es mit ihr ansehen gegangen! Kurz, Edlef und ich einigten uns und wir löste für 2 Franken 40 die beiden Kinotickets. Wir setzten uns in den Saal. Die AC (Airconditioning) Bise pfiff mit ganzer Macht um unsere Ohren. Eis-schlotter-kalt. 2 Stunden lang. Ich verkroch mich unter meinem durchsichtigen Schal, geholfen hat es wenig. Nach dem Kino wankte ich mit geschwollenen Augen und Halsweh hinaus. Bollywood oder Hollywood, das ist völlig egal. „Frozen“ muss nicht so wörtlich aufgeführt werden wie in Mumbai. Und Edlef? Er fand es „ein bisschen kühl“ und lief beglückt aus seinem „echt indischen“ Kinoerlebnis hinaus. Ihn plagte anschliessend kein Schnupfen. Kein Halsweh, keine Unterkühlung. Wie macht er das bloss?

Mumbais eindrückliche Strände

15. Gandhi

Edlef schreibt: Der Mahatma (grosse Seele) ist auf jeder einzelnen Banknote jeglichen Wertes abgebildet und auch sonst hochverehrt und allgegenwärtig als „Vater der Nation“. Am 2.10. war sein 150. Geburtstag. Als er sich in den 1890er Jahren in London zum Staatsanwalt ausbilden liess, schrieb er einmal, dass in Indien 25 Mio Leute lebten; heute, 130 Jahre später, sind es 50mal so viele!

Wir haben heute das „Haus eines Freundes“ besucht, wo er in Bombay damals wohnte. Sehenswerte Ausstellung mit Lebenslauf, Originalbibliothek und -bett und in Kästen nachgebildete Schlüsselszenen aus seinem Leben – gut gemacht.

Szene seiner Ermordung mit 78 Jahren durch einen jungen Hindu-Nationalisten, nachdem im Jahr zuvor die zwei Nationen Pakistan und Indien gegründet worden waren.

Sein Vorbild der Gewaltlosigkeit und zivilen Ungehorsams, welches das Weltreich England in die Knie zwang, ist ein Lehrstück darüber, was mit Ideen, Symbolhandlungen und Einsatz des ganzen Lebens menschenmöglich ist. Eine Jahrhundertpersönlichkeit, auch von zentralen Sätzen der Bergpredigt Jesu geprägt. Mehrmals hat er entscheidende Fortschritte nur erzielen können, indem er ein „Fasten bis zum Tod“ anfing, und die Menschen, nur um ihn nicht sterben zu lassen, über ihren Schatten gesprungen sind.

Obwohl er durch ein solches Fasten die Gleichberechtigung der Dalit (damals Unberührbare genannt) durchsetzte, verehren diese einen anderen Mann der damaligen Zeit noch etwas mehr, nämlich einen von ihnen, der noch weiter als Gandhi gehen wollte, Dr. Ambedkar.

Heute scheinen internationale Konzerne die Entwicklung zur Anerkennung der Kastenlosen entscheidend voranzubringen, denn sie setzen die schon lange bestehenden Gesetze über Quoten für Dalits auch tatsächlich um, im Gegensatz zu einheimischen Konzernen.

14. Die vielen Religionen…

Abschied von Goa und Zugreise nach Mumbai
Wir haben unseren Platz im Zug problemlos gekriegt und sind etwa eine halbe Stunde verspätet aus Madgaon abgefahren. Eine kleine Familie gesellte sich im letzten Moment noch zu uns ins Abteil. Es war ein Muslim mit seiner zum Islam konvertierten Frau. Fast sofort kamen wir ins Gespräch. Sie sei Ingenieurin, erzählte die noch jüngere Frau, aber sobald sie schwanger geworden sei, habe sie ihre Karriere aufgegeben. Das Paar hat ein herziges 6-jähriges Töchterlein. Aischa erzählte, sie habe daheim Hausangestellte, aber ihr Mann helfe zusätzlich noch bei allem mit. Ob ihr nicht etwas langweilig werde mit nur einem Kind und soviel Hilfe? wagte ich mich vor. „Nein“, rief Aischa, „im Gegenteil.“ Sie treffe sich mit ihren Freundinnen und Bekannten zum Tee Trinken, Shoppen und einfach so. Ihr Mann tue genau, was sie von ihm wünsche…

Aischa und Claudia

Irgendwie kamen mir ihre Beschreibungen vertraut vor. So habe ich schon andere Muslimas erzählen gehört mit genau den gleichen Idealen z.B. im Aargau oder auch in Deutschland. Sie bezeichneten ihre Lebensform als „Paradies“. Ob das wirklich so sei? fragte ich vorsichtig nach. Wünschen sich hochgebildete, muslimische Frauen in ihrem Leben wirklich nichts anderes als shoppen gehen und Tee trinken mit Freundinnen? Aischa überlegte kurz und gab mir sofort recht. Natürlich könne man das bezweifeln, aber es sei die tatsächliche und freie Wahl jeder Frau…, das sei doch toll. Wir haben noch über dies und jenes berichtet, immer wieder aber stolperten wir über die muslimischen Stereotypen: Frauen sind glücklich, wenn sie daheim beim Tee Trinken sitzen können mit Kindern. Aischa schien davon überzeugt: alle Frauen wollen genauso leben, Islam sei eine Religion der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens. Die Unterschiede der Rechte Mann und Frau, Nichtmuslime-Muslime müssten einfach richtig verstanden werden. Und zum IS und zu Boko Haram meinte das Ehepaar, da könne man nichts machen, Enthusiasten würden eben manchmal „übers Ziel hinausschiessen“. Wir haben das so respektiert und sind bald auf den Pritschen eingeschlafen.

The Gateway of India, erbaut 1924. Wir kamen so früh mit dem Zug an, dass wir nur schnell unser Gepäck in die Pension brachten und gleich hierher fuhren.
Wer religiöse Orte besuchen will, muss viele Vorschriften beachten, auch im Hinduismus

Am ersten Tag in Mumbai assen wir in einem Restaurant Z’Mittag, das gleich gegenüber unserer Unterkunft liegt. Beim Eintreten fiel uns auf, dass sich im unteren Stockwerk keine einzige Frau aufhielt, erst im oberen Stockwerk war neben mir noch eine weitere Frau zu Gast. Die Bedienung war gut gedrillt und korrekt. Es waren junge Männer, alle in uniforme weiss-graue Kittel gekleidet. Viele der Gäste hatten sich in einem ähnlichen Stil gekleidet. Es wirkte auf mich wie in einer Sekte: gleiche Kleidung, gleicher Haarschnitt, gleicher Gesichtsausdruck… Es war das Restaurant einer wohl strengen, muslimischen Ausrichtung. Abends gingen wir in ein hinduistisches Restaurant. Hier war es lärmig, quirlig, farbig. Ein wildes Durcheinander an Kulturen und Menschentypen trifft in diesem Quartier friedlich aufeinander. Diese beiden völlig anderen Gaststätten liegen beinahe nebeneinander. Der Unterschied in Stimmung und Klientel ist fast nicht auszuhalten. Aber eigentlich habe ich mir Mumbai genauso vorgestellt. Unglaubliche Gegensätze, die selbstverständlich nebeneinander existieren. Allerdings muss ich gestehen, dass mir Uniformität wie auch immer und entmündigende Paradiesvorstellungen bei Frauen wie z.B. von Aischa Angst machen.

Am Morgen, bevor die Strassenhändler ihre Ware in die Gestelle ordnen, putzen sie ihren Bereich sauber. Genau dort haben über Nacht dicht an dicht Obdachlose geschlafen.
Hier fischen einfache Menschen im Meer. Es ist eine eindrückliche Schmutzbrühe

13. Mumbai…wir kommen!

Heute reisen wir abends weiter nach Mumbai. Wieder per Zug… hoffentlich… vielleicht… man weiss ja nie.

Diese Unsicherheit kommt daher, dass wir es bis jetzt nur auf die Warteliste geschafft haben. Wir sind inzwischen auf Warteplatz 1 und 2. Tönt doch gut?

Und wenn wir es nicht schaffen? Dann werden wir schauen müssen, was möglich ist… per Bus? …nochmals übernachten? …Und dann? Wir nehmen es mit Indiens Motto „no problem“. Irgendeine Lösung findet sich immer und dazu diplomatisch mit dem Kopf wackeln, das bedeutet freundliche Aufmerksamkeit oder ja oder nein – vielleicht.

Endlich sehen wir auf dem Bildschirm die erlösende Nachricht: es klappt! (Na, wer sagt’s denn? Es ist tatsächlich „no problem“). Inklusive unserer Namen auf Hindi.

11. Taxifahrt zum kleinen Paradies mit Kuhfladen

Wir stiegen gerne aus dem überfüllten Zug aus in Madgaon. Wie von allen Reiseführern empfohlen, gingen wir zum Prepaid Taxistand. Das ist eine geniale Einrichtung des indischen Staates. Man nennt dort Zielort und bestimmt dir Taxiqualität (mit oder ohne AC, Grösse), bezahlt einen fairen Preis und erhält einen Taxifahrer zugewiesen. So ist die Fahrt nicht anonym. Gefahrlos ist sie deswegen noch lange nicht. Zumindest nicht nach Schweizermassstäben. Das Tempo? Immer schneller als erlaubt. Überholen? Auf jeden Fall. Egal wo. Egal wie, Hauptsache schnell. Es passiert aber nichts. Die Fahrer hupen wie wahnsinnig, aber nicht aus Wut, sondern als Sicherheitsmassnahme. Man weicht einander elegant und um Millimeter aus. Ich habe kaum ein Auto mit Beulen gesehen, also scheint alles recht gut und für alle zu funktionieren.

Palolem beach
Palolem gemächliches Leben bis zum Strand

In Palolem angekommen begann der Taxi ganz hektisch nach unserem Hostal „Cressida“ zu suchen. Eigentlich wollte er uns mitten auf der Strasse rausschmeissen, da erbarmte sich ein junger Motorradfahrer und erklärte ihm, wo die Einfahrt sei. Nicht genug, der junge Mann rief den Besitzer an. Der kam sofort und führte uns ins Hostal. Das Zimmer ist nicht viel mehr als ein Zelt, aber mit Dusche/WC. Es ist wunderschön gelegen mitten in einer üppigen Gartenanlage. Und das Meer ist so nah, dass wir es bis in unsere Träume hinein rauschen hören.

Unser Zeltzimmer

Heute Morgen gingen wir schwimmen. Das Wasser ist herrlich warm. Eine kleine Kuhherde läuft auf dem Strand herum, mit den ganzen Kuhfladen, die eine solche Herde eben produziert. Hunde, die niemandem gehören, rennen hinterher. Der Strand ist riesig, traumhaft gelegen und voll von kleinen Hüttchen, wie wir eines gemietet haben. Alles wirkt friedlich und freundlich.

Bei aller Romantik, wir sind froh, dass die Flut über Nacht jeweils die Kuhfladen wieder wegwäscht und der Strand jeden Morgen neu im makellosen Goldgelb erstrahlt. Ich freue mich auf die Woche, die wir hier verbringen werden. Wir wollen zur Ruhe kommen, die Weiterplanung der Reise angehen und eeeeendlich lesen.

Auch Kühe lieben den Strand

10. Was heisst schon „Korruption“?

Claudia schreibt: Heute, am 14.11. ist wieder Reisetag. D.h. um 4.30 Uhr morgens aufstehen und um 5.30 Uhr im noch fast dunklen Hampi mit einem Tuk Tuk abfahren. Es war kühl, d.h. 26 Grad. Wie sehr wir uns schon an die Wärme gewöhnt haben, merkten wir daran, dass wir froh um eine Jacke waren.

Der Zug kam dann in Hospet, dem nächsten Bahnhof von Hampi, um 8.05 Uhr an statt um 6.20 Uhr, also mit fast 2 Stunden Verspätung. Das störte niemanden, immerhin war der Zug bereits eineinhalb Tage unterwegs und nur 2 Stunden warten zu müssen, gelten kaum als Verzögerung. Der Zug fuhr ein. Er war übervoll mit Einheimischen, aber es hatte kaum Touristen. Beim Einsteigen merkten wir schnell, dass im Abteil die Leute noch am Schlafen waren.

Der Abfallberg entsprach der Länge der Reise, wobei schon bald nach dem Anfahren gewischt wurde.

Vor dem Abfallwischen. Bis dahin wateten alle im eigenen Müll.

Uns traf es ins selbe Abteil zusammen mit einem jungen Inder. Wir kamen schon bald ins Gespräch. Er träume davon, ein Stipendium nach Berlin zu kriegen. Viele seiner Freunde hätten dort studiert und viel gelernt. Er ist wie wir nach Palolem unterwegs. Dort möchte er mit seiner Freundin aus Frankreich zusammenleben für heimliche 4 Wochen. Seine Eltern dürfen nichts davon wissen. Er sei seit 2 Jahren mit ihr zusammen. Sein Vater ist Berufspolitiker. Er und seine Mutter seien davon überzeugt, dass ihr jüngerer Sohn genau gleich wie ihr Ältester irgendwann eine reiche Inderin heiraten werde. Eine solche Ehe werde auch heute noch von den Eltern arrangiert. Sie würden nicht nur die Braut bestimmen, sondern auch das fällige Brautgeld verhandeln und einstecken und den Zeitpunkt der Eheschliessung festlegen. Uns wunderte, wie selbstverständlich er darüber sprach und wie einverstanden er damit schien. Er sei bei seiner Freundin in Frankreich gewesen. Sie habe einfache und sehr nette Eltern. Aber eben… Sein Vater sei bei den letzten Wahlen nicht mehr ins Parlament gewählt worden. Dabei habe er doch Tausende an die Armen verteilt, damit sie ihn wählen würden. Korruption sei ein riesiges Problem in Indien. „Genau…“, dachte wir und wussten nicht so recht, wie auf seine Aussage reagieren. Ist nicht das der Klassiker jeder Korruption, sich Stimmen zu kaufen? Er möge Politik nicht, führte unser Reisegefährte weiter aus. Es gehe dabei nur um Geld. Wer genug Stimmen kaufen könne, werde gewählt. Der Gewinn bei Wahlsieg sei riesig. Wenn man für die Wahl etwa 5 Mio einsetze, erwirtschafte man nachher dank der politischen Stellung das 10-fache, wenn nicht mehr… „Genau…“, dachten wir noch einmal nur noch entsetzter, „so definiert sich Korruption.“

Die Bahnfahrt selbst war eindrücklich. Sie führte uns an saftig grünen Reisfeldern vorbei, durch Urwälder. Wir sahen Bäche und Flüsse und tiefen Schluchten. Am eindrücklichsten waren die hohen Wasserfälle. Indien ist riesig und fruchtbar. Was für ein gesegnetes Land.

9. Krishna ist Reiseführer

Das 2000 Seelendorf Hampi besteht praktisch nur aus Guesthouses, Restaurants, Verkaufsständen und Reisebüros.

Überall schreit und flüstert es: Kaufen, kaufen, kaufen. Und alle beginnen sie ihr Angebot auf die gleiche Art: „Where do you come from?“ um dann spätestens beim dritten Satz ihr Angebot zu platzieren. Wir haben auch in Hampi kein Reisebuch besorgt, sondern einen Reiseführer gebucht. Auf die Führung freute ich mich riesig. Es gibt so viele unglaubliche Bauten in Hampi, dass es nicht verwundert, dass es 1986 zu einem Unesco Weltkulturerbe deklariert worden ist.

Hochzeitssaal im Virupaksa-Tempel erbaut um 1443. Krishnas Hochzeitzeremonie hat hier stattgefunden.
Klangsäulentempel
Bad der Königin aus der muslimischen Besetzungszeit
Eine der unzähligen Relieffiguren

Das erste, was uns der Reiseführer sagte, war: alles werde gaaaanz langsam angegangen. So schlichen wir in der brütenden Hitze hinter ihm her über Ruinenfelder, guckten in ehemalige Tempel, besuchten dabei die Elefäntin Lakshmi, die Glück und Wohlstand bringe und hörten uns bestimmt 50 Mal an, dass man zwar nichts mehr sehe, aber alles sei „wirklich grossartig“ gewesen.

Den ganzen Tag steht „Lakshmi“ hier, „segnet“ Pilger und bringt dem Tempel gutes Geld ein.

Ich fand seine Ausführungen eher mager. Wie waren die Familienstrukturen? Wie genau haben die Menschen gelebt und gearbeitet? Und wie sahen die Frauen- und Männerrechte aus? Gab es Sklaven…? Hierarchien? Krishna sah bei solchen Fragen ziemlich verdutzt aus, machte aber kaum Kommentare dazu. Er erzählte, die Geschäftsleute hätten in den Bazaren Diamanten, Rubine und Gold per Kilo gekauft und verkauft ( Kilos????), Hampi sei so reich gewesen, dass die Mogule über die Stadt, damals bewohnt von 500’000 Personen, hergefallen seien. Sie hätten die Schätze gestohlen und als Muslime alle hinduistischen Heiligtümer systematisch entweiht. Sie hätten alle heiligen Tempelfiguren beschädigt. So verunstaltete Figuren können nicht mehr das Göttliche beinhalten und verehrt werden. Krishna schweigt und schaut düster vor sich hin. Man merkt deutlich, wie tief ihn dies als Hindu bis heute schmerzt und empört.

Damit war das Historische abgehakt. Krishna begeisterte sich aber für die verschiedenen Inkarnationen von Vishnu. Voll Feuer wies er auf das nahende Weltende hin. 3 Aeras seit Beginn der Welt seien vorbei. Jede Aera dauere 4500 Jahre. Wir seien in der 4. und letzten Aera und davon seien bereits 2019 (????) Jahre verflossen. Wir erwähnten das Gnusch mit seiner christlichen Jahresgebung nicht. Edlef wies dafür respektvoll daraufhin, dass man annehme, die Erde sei 4,5 Milliarden Jahre alt und fragte dann, wie Krisna das mit der vergleichsweise extrem kurzen Zeit seiner 4 Aera Rechnung vereinbare? Krishna schaute uns fast mitleidig an. Die Wissenschaft habe sicher recht, aber er sei dem Hinduismus treu, er glaube an die Aeras. Man sehe die Wahrheit dieser hinduistischen Sicht an den vielen Katastrophen und den Umweltproblemen wegen der Industrie… Wir waren verdutzt. Es hätte noch so manches zu fragen gegeben. Aber die Zeit verrann schnell. Krishna stürzte bei jedem Tempeln zuerst auf seine Kollegen los und hielt mit ihnen einen ausführlichen Schwatz, erst dann wurden wir weiter in die Altertümer eingeführt. Er bestand auf eine zusätzliche, halbe Stunde Breakfastpause, obwohl die Führung erst um 9.30 Uhr begann und er längst Zeit für ein Frühstück gehabt hätte, dann liess er uns stehen für seine mehr als stündige Lunchpause und unterwegs für weitere „Schwatzpausen“ mit seinen Bekannten. Ich war offen gestanden enttäuscht. Er brauchte ganz klar möglichst Ruhe vor uns, den nervigen Touristen.

Riesiger, nachgelegter Bereich des Maharadschapalastes

Trotzdem, wir haben den Tag aus vollem Herzen genossen. Hampi ist unglaublich und das mitten in einer atemberaubend schönen Landschaft und Krishna? Vielleicht sollten wir ihn eher als ein Stück Hampi und Folklore begreifen, statt als Reiseführer.

8. Zugfahren in Indien.

Wir sind nun für 2 Tage in Udupi. Verglichen mit Thrissur scheint uns die Stadt (165’000 EinwohnerInnen) fast ruhig. Aber auch hier dröhnen Baumaschinen, braust der Lärm und hupen die Autos. Für die Fahrt Thrissur – Udupi benützten wir den Zug. Es gibt recht angenehme Wartesäle am Bahnhof, darunter auch einen Saal nur für Frauen. Das Einsteigen in den Zug und die Anfahrt sind für uns brave Schweizer beängstigend. Offene Türen, auch während der Fahrt… aufspringen, wenn der Zug anfährt…all das gehört zum „fröhlichen“ Zugerlebnis. Uns aber stehen die Haare zu Berg.

Abfahrt eines Zuges in Thrissur, Kerala, Indien

Edlef schreibt: Die Fahrt selber war „interessant“. Wir hatten ein Bett oben und eines unten im 4-er Abteil. Einer der beiden Mitreisenden hatte sich schon zwei Kissen unter den Kopf geschoben und schnarchte fröhlich vor sich hin, sodass uns eines fehlte. Aber der Aufseher brachte uns schnell ein Ersatzkissen. Während etwa 2 Stunden schrie ein Bébé im Nachbarabteil wie am Spiess, weshalb die Nacht kurz ausfiel. Am Morgen Kaffee mit Guetzli, dann interessante Gespräche mit einem der Reisegefährten über das Leben eines gebildeten Inders in Dubai (er fühlte sich dort von oben herab behandelt) und in Singapur (er fühlt sich respektvoll angenommen und gleichberechtigt).